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Heftige Gefechte im Nordosten von Damaskus

21. März 2017, 10:17

Syrische Rebellen und Jihadisten drangen beinahe bis ins Zentrum vor

Damaskus – Syrische Regierungstruppen haben sich am Montag und Dienstag im Nordosten von Damaskus erneut schwere Gefechte mit Aufständischen geliefert. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldete massive Luftangriffe und Granatenbeschuss auf die Vororte Jobar und Qaboun im Nordosten von Damaskus. Am Dienstagmorgen habe die zweite Phase der Gefechte begonnen, erklärte der Sprecher der Miliz Failak al-Rahman, Wael Olwan. Bei dieser neuen Offensive sollen einige Gebiete von der syrischen Armee zurückerobert worden sein.

Aus Militärkreisen hieß es noch am Montag, die Armee habe alle am Sonntag verlorenen Stellungen zurückerobert. Die Streitkräfte setzten auch die Luftwaffe ein, einige Straßen in von Regierungstruppen kontrollierten Gebieten waren gesperrt.

Die Rebellen hatten nach eigenen Angaben die Regierungskräfte am Sonntag in Jobar angegriffen, um für Entlastung ihrer Verbände in den Bezirken Qaboun und Barzeh zu sorgen. Die Armee hat diese vom Stadtteil Ost-Ghouta abgeschnitten, der weiterhin von den Aufständischen kontrolliert wird.

Ein Überraschungsangriff von Jihadisten und Rebellen in Damaskus hatte am Sonntag heftige Gefechte mit regierungstreuen Kräften ausgelöst. Jihadisten der Fatah-Front und andere Verbündete versuchten dabei, von Jobar aus zum zentralen Abbasiden-Platz vorzustoßen. Die Jabhat Fatah al-Sham, so der komplette Name, ist aus der Nusra-Front, dem ehemaligen Al-Kaida-Ableger in Syrien, hervorgegangen (siehe Wissen unten). An den Kämpfen waren aber auch andere Rebellen beteiligt, die als moderat gelten.

Berichte über Kampfflugzeuge

Es war das erste Mal seit zwei Jahren, dass es den Rebellen gelang, in die Umgebung des Abbasiden-Platzes vorzudringen. Regierungstruppen drängten die Aufständischen aber bis zum Abend zurück. AFP-Korrespondenten im Osten von Damaskus berichteten Montag früh von Kampfflugzeugen, die über der Stadt kreisten.

Die oppositionsnahe Beobachtungsstelle, die in Großbritannien ansässig ist und sich in Syrien auf ein Netzwerk von Informanten stützt, konnte zunächst keine Angaben zu möglichen Opfern der jüngsten Luftangriffe machen. Ebenso unklar blieb, ob die Angriffe von der syrischen Luftwaffe oder den mit den syrischen Regierungstruppen verbündeten russischen Streitkräften ausgeführt wurden.

Die neue Eskalation kommt vor neuen Verhandlungsrunden im kasachischen Astana – dort soll es um technische Details eines Waffenstillstands gehen – und am 23. März in Genf. Russland betonte am Montag, dass Vertreter der Regimes daran teilnehmen würden.

Russen und Kurden

In Nordsyrien wird weiter an der Vorbereitung der Offensive auf die IS-Hochburg Raqqa gearbeitet. Die syrische Kurdenmiliz YPG überraschte am Montag mit der Ankündigung, mit Russland eine Vereinbarung getroffen zu haben: Russland wird die YPG militärisch unterstützen und dafür eine Militärbasis in der von den YPG kontrollierten Provinz Afrin errichten. Bisher galten die YPG als Partner der USA, die sie als Bodentruppen für die Offensive in Raqqa bewaffnet haben. Die USA arbeiten derzeit an einem Kompromiss mit der Türkei, die die YPG als PKK-Organisation sieht. (red, 20.3.2017)

Wissen: Die Beziehungen zu Al-Kaida

Die Offensive in Damaskus wird von der Jabhat Fatah al-Sham – kurz und vereinfacht Fatah-Front – angeführt, die ihr nahestehende Gruppen, die gegen Verhandlungen mit dem Regime sind, kürzlich in die Hay'at Tahrir al-Sham (Komitee zur Befreiung der Levante) zusammengefasst hat. Die Hay'at Tahrir bekannte sich zu den jüngsten großen Selbstmordattentaten in Damaskus.

Die Fatah-Front hieß bis vergangenen Sommer Jabhat al-Nusra li-Ahl al-Sham, verkürzt Nusra-Front. Die Nusra-Front wurde 2012 von einem Emissär des späteren Chefs des "Islamischen Staats", Abu Bakr al-Baghdadi, gegründet: als erste Filiale von Al-Kaida in Syrien (auch der IS selbst zog danach nach Syrien, spaltete sich aber später von Al-Kaida ab). Die Al-Kaida war mit Entsandten in der Nusra-Führung direkt vertreten, Nusra-Chef Abu Mohammed al-Jolani betonte stets die Zugehörigkeit seiner Gruppe zu Al-Kaida.

2016 kam es zur Trennung von Nusra-Front und Al-Kaida – im beiderseitigen Einvernehmen, dabei wechselte Nusra auch den Namen in Fatah-Front. Terrorismusexperten sahen jedoch keine ideologische Abkehr der Fatah von Al-Kaida, sie wird weiter als terroristische Gruppierung gewertet. (guha)