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Die Römerstadt an der Donau: Carnuntums Untergrund abbilden

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23. März 2017, 07:27

In Niederösterreich liegt eine der am besten erforschten römischen Fundlandschaften Europas – und es gibt noch immer viel zu entdecken

Wer von Wien aus kommend circa 40 Kilometer nach Osten in Richtung Hainburg fährt, durchquert die Gemeinden Petronell und Bad Deutsch-Altenburg. Mancher ahnt nicht, dass er sich dabei mitten in einer römischen Stadt befindet – Carnuntum.

Carnuntum ist eine der größten archäologischen Fundlandschaften Österreichs und umfasst ein römisches Legionslager und eine zugehörige Zivilstadt. Auf seinem Höhepunkt erstreckte sich Carnuntum über ein Gebiet von mehr als zehn Quadratkilometern und beherbergte 50.000 Einwohner; bis zu 6.500 Soldaten waren zeitweise im Militärlager stationiert.

Strategisch wichtige Lage

Die Anfänge Carnuntums liegen im 1. Jahrhundert n. Chr., ab dem 2. Jahrhundert übernahm die Zivilstadt die Aufgaben als Hauptstadt der römischen Provinz Pannonia Superior. Seine strategisch wichtige Lage an der Kreuzung zweier alter transkontinentaler Handelsrouten und seine militärische Bedeutung für den Limes führten dazu, dass Carnuntum einen Platz in der römischen Geschichtsschreibung erhielt. Gleich mehrere Kaiser hielten sich zu verschiedenen Zeiten in Carnuntum auf. Kaiser Marc Aurel befehligte von Carnuntum aus seine Legionen gegen die Markomannen, der Stadthalter Septimius Severus wurde 193 n. Chr. in Carnuntum von den pannonischen Truppen zum Kaiser ausgerufen, und die Kaiserkonferenz von 308 n. Chr. fand in Carnuntum statt.

Von den Ausmaßen dieser Stadt bemerkt man heutzutage kaum etwas, lediglich zwei freigelegte Amphitheater sowie das Heidentor sind zum Teil noch obertägig erhalten. Der Großteil von Carnuntum ist dagegen im Boden verborgen.

In den Boden schauen

Um diese archäologischen Überreste wieder sichtbar zu machen, bedarf es spezieller Untersuchungsmethoden. Ausgrabungen, die seit mehr als 100 Jahren in Carnuntum durchgeführt werden, leisten einen wichtigen Beitrag zu den Forschungen, sind jedoch zerstörend und liefern Daten nur sehr punktuell. Dazu kommt, dass eine Ausgrabung des gesamten Stadtareals jeden zeitlichen und finanziellen Rahmen sprengen würde.

Um trotzdem möglichst großflächig Informationen über Carnuntum zu erhalten, wurde 2012 im Auftrag des Landes Niederösterreich das dreijährige Projekt "Archpro Carnuntum" unter der Leitung des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie gestartet. Der Fokus des Projekts lag in erster Linie auf der Untersuchung des bekannten Stadtgebiets. Am Anfang stand dabei die Prospektion mittels Luftbildarchäologie, flugzeuggetragenem Laserscanning sowie großflächig-hochauflösenden geophysikalischen Untersuchungen durch Bodenradar und Magnetik.

Detaillierte Interpretationen

Das Ergebnis sind detaillierte zweidimensionale Interpretationen des gesamten Untersuchungsgebiets, die Informationen über Besiedlungsfläche, -dichte und -struktur von Carnuntum liefern. Besonders genaue Einblicke in den Boden ermöglicht dabei das Bodenradar, das den Boden mittels elektromagnetischer Wellen durchdringt und ein dreidimensionales Bild des Untergrunds liefert. Durch den hohen Kontrast zwischen Mauerresten der einstigen römischen Gebäude und umgebendem Erdmaterial ist diese geophysikalische Methode besonders für die Prospektion römischer Fundplätze geeignet.

In Carnuntum konnten dadurch bereits sehr detaillierte Interpretationen verschiedener Stadtteile und sogar Gebäudekomplexe vorgenommen werden, die weit über das reine "Finden" archäologischer Strukturen hinausgehen. Das betrifft Informationen zu Zweck und Funktion einzelner Gebäude genauso wie chronologische Abfolgen, also zum Beispiel ob ein Gebäude mehrfach zu verschiedenen Zeiten genutzt wurde – es also mehrphasig war.

Rekonstruktion des Stadtplans

Aufgrund der Untersuchungen ist es mittlerweile gelungen, zerstörungsfrei einen sehr genauen Stadtplan von Carnuntum zu erstellen. Die zweidimensionale Kartierung fungiert dabei als Basis für die dreidimensionale Rekonstruktion der Stadt. Was Virtuelle Archäologie ist und warum dreidimensionale Visualisierungen so wichtig für die Archäologie sind, wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle erzählt. Die dort vorgestellten Methoden und Techniken wurden so auch im Projekt Archpro Carnuntum eingesetzt.

Das Ergebnis dieses Forschungsansatzes ist eine der am besten erforschten römischen Fundlandschaften Europas, die mithilfe zerstörungsfreier Methoden spektakuläre Entdeckungen lieferte. Dazu gehören das Forum der Zivilstadt, das früheste Militärlager Carnuntums und die Kasernen, in denen die Garde des Statthalters untergebracht war. Besonders die Entdeckung der Gladiatorenschule vor einigen Jahren ging weltweit durch die Medien.

Nicht nur archäologisch-wissenschaftliche Ziele

Große Projekte wie Archpro Carnuntum, die zum Teil von öffentlicher Hand finanziert werden, verfolgen aber nicht nur rein archäologisch-wissenschaftliche Ziele. Obwohl an erster Stelle natürlich die Beantwortung konkreter archäologischer Fragestellungen steht, sollten die Ergebnis eines solchen Projekts auch außerhalb der Wissenschaft verwertbar sein. Dazu gehört einerseits die Wissensvermittlung, die ebenfalls schon Thema im Archäologieblog war. Im Fokus stehen immer öfter aber auch wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Faktoren.

Bevölkerungs- und wirtschaftliche Entwicklungen machen es notwendig, immer neue Flächen zu erschließen. Durch diese Baumaßnahmen werden im Boden verborgene archäologische Fundstätten bedroht. Zur Erlangung größtmöglicher Planungssicherheit für anstehende Baumaßnahmen, aber auch um wichtige Bodendenkmäler unter Schutz stellen zu können, sind detaillierte Informationen über Ort und Umfang archäologischer Stätten von entscheidender Bedeutung; das gilt für Raum- und Stadtplaner ebenso wie für Denkmalpfleger.

Noch viel zu entdecken

Im Fall von Carnuntum haben die archäologischen Forschungen und deren Ergebnisse durch die Anknüpfung an den Archäologischen Park auch direkte Auswirkungen auf den Tourismus in der Region. Wird zum Beispiel Aufmerksamkeit für Carnuntum basierend auf der Publikation von Forschungsergebnissen generiert, wie eben durch die Entdeckung der Gladiatorenschule, schlägt sich das in den Besucherzahlen des Archäologischen Parks Carnuntum nieder. Und letztlich wird mit einem Projekt wie dem Archpro Carnuntum die Verantwortung für das kulturelle Erbe von Niederösterreich wahrgenommen, vonseiten der Wissenschaft wie auch der Politik – ein Engagement, das allerdings nur funktionieren kann, wenn es, wie in Carnuntum der Fall, von der lokalen Bevölkerung mitgetragen wird.

Obwohl das Projekt Archpro Carnuntum bereits abgeschlossen ist, gibt es noch viel zu entdecken in der Römerstadt an der Donau. Die Fülle an gesammelten Daten gibt immer wieder sensationelle Einblicke in das Leben vor rund 2.000 Jahren. Mehr darf ich an dieser Stelle leider noch nicht verraten, die Pressekonferenz zu Carnuntums nächster Sensation findet aber bereits Ende des Monats statt. Man darf also gespannt bleiben! (Petra Schneidhofer, 23.3.2017)

Die Entdeckung der Gladiatorenschule.
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Die Garde des Statthalters.
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Petra Schneidhofer ist Geoarchäologin und arbeitet am Ludwig-Boltzmann-Institut für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie in Wien. Sie beschäftigt sich mit Geomagnetik, Bodenradar, der Verwendung von Luftbild- und Satellitenaufnahmen sowie 3D-Visualisierungen.

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