, Nils Pickert

Feminismus, sei doch bitte nicht so vulgär

Der Kampf um das Recht auf die Unkommentiertheit des weiblichen Körpers sollte Nacktheit, auch sexualisierte Nacktheit, mit einschließen

Vor ein paar Jahren fand Emma Watson das Auftreten der Sängerin Beyoncé selbst noch problematisch.

foto: ap/mark von holden

"Frauen, die nichts fordern, werden beim Wort genommen. Sie bekommen nichts", hat Simone de Beauvoir einmal geschrieben. Nicht nur, aber ganz besonders für diesen Text möchte ich ergänzen: Frauen, die angeblich auf die falsche Art und Weise fordern, bekommen nichts. Im Fall der Schauspielerin und UN-Botschafterin Emma Watson heißt das: tief dekolletiert. Watson, die sich zu Promotionszwecken für ihren neuen Film von der Zeitschrift "Vanity Fair" ablichten ließ, entfesselte eine Debatte darüber, ob Feminismus nackt und erotisch daherkommen dürfe. Im Verlauf der Auseinandersetzung fragte sie sich schließlich sichtlich konsterniert, was denn ihr Busen mit Themen wie Wahlfreiheit und Gleichberechtigung zu tun habe.

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Und genau darum geht es. Feminismus und Nacktheit, das scheint eine problematische Kombination zu sein.

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Wenn frau sich so inszeniert, lautet der Vorwurf, der in diesem Zusammenhang gerne erhoben wird, dann desavouiert sie die feministischen Anliegen, die sie repräsentieren möchte. Wer Brüste zeigt, dessen Forderungen werden nicht ernst genommen. Mehr noch: Frau macht sich, befindet die Wissenschafterin Angela McRobbie, auf die Art und Weise zum Objekt eines postfeministischen Neoliberalismus. Sie glaubt sich durch die Präsentation ihres nackten Körpers befreit und übersieht dabei, dass sie damit dem Patriarchat nach seinen Regeln – und seinen Regeln allein – in die Hände spielt. Der Vorwurf ist keineswegs neu. 1991 formulierte Alice Schwarzer ihren berühmt-berüchtigten Satz von der Propagierung des weiblichen Masochismus durch Frauen als Kollaboration mit dem Feind, demzufolge es eine gänzlich falsche Sexualität für Frauen gibt – eine Sexualität, die in ihrem Kern vollständig von Männern in Augenschein und in Besitz genommen ist und daher fremdbestimmt sein muss.

Weiblicher Masochismus existiert demzufolge nicht aus sich heraus, sondern als bloße Erfüllung einer männlichen Anforderung. Parallel dazu kann man entlang des Beispiels von Emma Watson formulieren, dass erotische (Semi-)Nacktheit von Frauen nie aus sich heraus, sondern immer nur für und in ein männliches Starren existiert. Um die ganze Sache noch schlimmer zu machen: In beiden Fällen wähnen sich die betreffenden Frauen befreit und selbstbestimmt, während sie tatsächlich jene sprichwörtlichen Menschen sind, die niemals wirklich frei sein können, weil sie die Ketten lieben, die sie fesseln.

Nun, das kann man mit Kim Kardashian und Emily Ratajkowski auch anders sehen.

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Man kann die Kritiker*innen all der Frauen, die sich gefälligst stilvoller und nicht so freizügig kleiden sollen, um mit ihrer Nacktheit nicht von den wirklich wichtigen Themen abzulenken, mal darauf hinweisen, dass Frauen selbst mit den berechtigtesten Forderungen nie sonderlich viel Beachtung gefunden haben. Und wenn sie sie doch mal stellen durften, dann hatten sie in Form einer schüchternen Bitte dargeboten zu werden. Sittsam und mit gesenktem Blick. Im richtigen Moment und ohne Nachdruck. Nichts anderes wird auch 2017 noch verlangt. Vom Feminismus im Allgemeinen und von Emma Watson im Speziellen: Sei nicht so herausfordernd. Sei nicht so nackt und vulgär. Mach halt die Bluse zu. Nimm dich zurück, dann klappt das mit den Forderungen besser. Dann nimmt man dich viel ernster.

Der Vorwurf, lediglich nach der Pfeife des Patriarchats zu tanzen, kann also zurückgegeben werden. Nur die Melodie ist eine andere. Sie spielt nicht den alten Evergreen von Verhaltensweisen, die an und für sich außerhalb der Weiblichkeit liegen und ihr aufgezwungen oder eingeschmeichelt werden. Dafür aber ein relativ neues Stück, in dem es darum geht, sich nicht von diesen Verhaltensweisen befreien zu wollen, sondern sie selbstermächtigt zu kontrollieren.

"Wer sich so ablichten lässt wie Emma Watson, kann gar keine Feministin sein!" ist lediglich ein Upgrade altgedienter Anwürfe: Wer so aussieht, hat keinen Verstand. Wer über ein solches Geschlechtsorgan verfügt, ist minderwertig und hysterisch. Wer sich so kleidet, so schminkt, so spät ausgeht und so betrunken ist, der muss eben damit rechnen. Dabei sollten diese Anwürfe längst ausgedient haben. Der Kampf um das Recht auf die Unkommentiertheit des weiblichen Körpers

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sollte Nacktheit, auch sexualisierte Nacktheit, mit einschließen. Aber das ist nicht so einfach.

Wie leicht man der Versuchung erliegen kann, Frauen vorschnell in ihrer Selbstdarstellung zu kritisieren und ihnen zu unterstellen, sie würden sich einer unterdrückerischen Struktur andienen, lässt sich interessanterweise an Emma Watson selbst belegen. Vor ein paar Jahren hatte sie in einem Interview angemerkt, dass sie das Auftreten der Sängerin Beyoncé als Feministin und als sich für einen männlichen Blick sexualisierende Frau problematisch findet.

Da das Internet bekanntermaßen nicht vergisst, wurde sie in der jetzigen Debatte mit den damaligen Aussagen konfrontiert und sah sich dem berechtigten Vorwurf ausgesetzt, sie würde mit zweierlei Maß messen. Das zeigt, dass niemand davor gefeit ist, die Aufwertung der eigenen Position durch die Abwertung einer anderen zu betreiben.

"Feminismus ist kein Stock, mit dem man andere Frauen niederschlägt", sagt Watson heute. Zumindest sollte er es nicht sein. Genau wie Nacktheit. Spätestens vor dem Hintergrund der Tatsache, dass nur wenige Tage nach dem "Vanity Fair"-Bild gegen den Willen Watsons gestohlene Fotos einer Kleideranprobe im Internet veröffentlicht wurden, sollte das eigentlich klar sein. (Nils Pickert, 26.3.2017)

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