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Wirbel um Eiskanalprojekt in Bludenz

27. März 2017, 11:41

6,6 Millionen Euro kostet die neue Kunsteisrodelbahn in Bludenz. Die Stadt muss nur ein Sechstel der Baukosten berappen, der Rodelverband garantiert für 15 Jahre den Betrieb. Große Chance oder großes Risiko?

Bludenz – Mandi Katzenmayer, der eigentlich Josef heißt, aber von allen Mandi genannt wird, Mandi Katzenmayer lacht sich ins Fäustchen. Katzenmayer ist Bürgermeister von Bludenz, und Bludenz, so sieht er das, ist aus dem Schneider. Die fünftgrößte, also kleinste Stadt Vorarlbergs bekommt eine neue Kunstrodelbahn, Kostenpunkt 6,6 Millionen Euro – wobei Bludenz die ansonsten übliche Kostendrittelung zwischen Stadt, Land und Bund vermeiden konnte. Bludenz zahlt nur ein Sechstel – 1,1 Millionen Euro und keinen Cent mehr.

Katzenmayer (ÖVP) verbucht das unter Verhandlungsgeschick. Tatsache ist, dass das Projekt von Anfang an auch auf Widerstand gestoßen ist. Die Grünen, die in Bludenz unter "Offene Liste" laufen, traten gar für eine Volksbefragung ein, zogen den diesbezüglichen Antrag aber auf Druck der anderen Parteien zurück. Man wollte, sagt die grüne Stadträtin Karin Fritz, "nicht als Gegner des Sports" dastehen.

Rodeln ist in Vorarlberg sehr populär, speziell in Bludenz-Hinterplärsch, wo es seit 1967 eine Natureiskunstrodelbahn gab. Eine Junioren-EM (1981), eine Junioren-WM (1984) und etliche österreichische Titelkämpfe fanden hier statt. Ende 2015 hatte die Bahn ausgedient, sie war längst nicht mehr zeitgemäß und in der Erhaltung teuer, weil kaum oder jedenfalls selten zu kühlen, Stichwort Klimawandel. Bagger fuhren auf, Pläne und Beschlüsse zum Bau der neuen Bahn an derselben Stelle gab es ja schon.

Ein familiärer Betrieb

Für den Rodelclub Sparkasse Bludenz machen sich seit Jahrzehnten zwei Familien besonders stark, die Tagwerkers und die Heinzelmaiers. Beide Familien sind sportlich wie politisch bestens vernetzt. Andrea Tagwerker war Olympiadritte 1994. Gecoacht wurde sie von ihrem Vater Helmut Tagwerker, der nun als Obmann dem Verein und als Präsident dem Vorarlberger Landesverband vorsteht. Sein Sohn Arthur Tagwerker ist SPÖ-Stadtrat in Bludenz, nebenbei wirkt auch er für den Rodelclub, und er sitzt im Vorstand des österreichischen Rodelverbands (ÖRV). Manfred Heinzelmaier, der dreimal Staatsmeister war, macht sich als Trainer und Vorarlberger Rodelsportkoordinator verdient.

Im Gegenzug für ihr Einlenken bekamen die Grünen die Garantie, dass Bludenz beim Bau der Bahn keine Mehrkosten entstehen würden. Doch irgendwer muss das sechste Sechstel berappen. Bludenz, Katzenmayer und die Rodler begaben sich auf Sponsorensuche. Gefunden wurde – noch einmal das Land. Vorarlberg macht über einen Posten, der "Bedarfszuweisungen" oder "Sonderfinanzierung" heißt, die fehlenden 1,1 Millionen locker, kommt also insgesamt für 3,3 Millionen auf, die Hälfte der Baukosten.

Ein neuer Baustil

Eine interessante Wendung, die man nicht damit in einen Konnex stellen muss, dass Vorarlbergs Landeshauptmann Markus Wallner in Bludenz geboren ist. So oder so lohnt ein genauerer Blick auf das Eiskanalprojekt. Die 6,6 Millionen Euro, die der Bau kosten soll, sind nicht nichts, aber im internationalen Vergleich eine Mezzie. Die olympische Bahn 2014 in Sotschi hat 175 Millionen Euro gekostet, sie musste natürlich andere Anforderungen erfüllen und ist mit 1500 Metern mehr als doppelt so lang wie die geplante Bahn in Bludenz (700 m).

Und doch, wir reden von einem Sechsundzwanzigstel der Kosten! Das erklärt sich nicht allein durch Abmessungen und Anforderungen – und vielleicht spezielle russische Zahlungsmodalitäten. Michael Bielowski, der Präsident des österreichischen Rodelverbands (ÖRV), liefert mit einer "hochmodernen Technologie", die hierzulande entwickelt wurde, eine weitere Erklärung. Während klassische Rodelbahnen stets in Ortsbeton hergestellt wurden, sollen nun erstmals vorgefertigte große Bahnelemente eingesetzt und zusammengefügt werden.

Ein bahnbrechendes Projekt

"Die Bauweise ist völlig neu", sagt Bielowski, "der Aufwand ist nicht vergleichbar." Bludenz soll bahnbrechend sein. Künftige Eiskanal-Errichter sollen an diesem, schon patentierten System nicht vorbeikommen. Für die Planung verantwortlich zeichnet das Technologiezentrum Ski- und Alpinsport (TSA) in Innsbruck. Es betreibt seit 2005 "Forschungsarbeiten für die heimische Winter- und Sommersportwirtschaft, um durch Innovationen Marktvorteile erreichen und ausbauen zu können". Gesellschafter sind die Universität Innsbruck, der Skiverband, der Rodelverband (je 30 %), der Verein der Unternehmen (10 %).

Verbindungen und Verflechtungen, wo man hinschaut. Bludenz ist eine kleine Stadt, Österreich ist ein kleines Land. Die Stadt sollte also davon profitieren, dass ein "Marktvorteil" erreicht wird. Ob er sich ausbauen lässt, bleibt abzuwarten. Es ist ja nicht so, dass die Eiskanäle nur so aus dem Boden schießen. Weltweit liegt die Zahl der in Betrieb befindlichen (18) jedenfalls unter jener der stillgelegten Bahnen (25). Über die olympische Zukunft der Sportarten Rodeln, Bob und Skeleton wurde schon diskutiert, nicht zuletzt weil die Bahnen so hohe Kosten verursachen. Die für 90 Millionen Euro errichtete Olympiabahn Turins 2006 wurde 2012 geschlossen.

Ein kleines Reich

Bludenz ist nicht nur wegen des geplanten Baus, sondern auch wegen der späteren Betriebskosten speziell. Laut Bielowski werden "die Energiekosten nur ein Zehntel der Kosten ausmachen, die die Bahn in Innsbruck-Igls verursacht. Bludenz ist eine neue Dimension." Bielowski muss es wissen, der ehemalige Innsbrucker Vizebürgermeister (Liste für Innsbruck) ist nicht nur ÖRV-Chef (seit 2014), sondern auch Geschäftsführer der Olympiaworld Innsbruck (seit 2006). Sein Büro liegt in der Olympiastraße, von dort aus überblickt er ein kleines Reich. Olympiastadion, Eisstadion, Fußballstadion, Eisschnelllaufring, Landessportcenter, all das ist unter dem Dach der Olympiaworld zusammengefasst. Dazu kommt der Eiskanal, doch so weit, bis hinauf nach Igls, reicht das Auge nicht.

Und jetzt, so könnte man sagen, vergrößert Bielowski sein Reich. Schließlich hat der Rodelverband eine Garantie abgegeben, die Bludenzer Bahn 15 Jahre lang selbst zu betreiben. Zuvor hatte es in einer dem STANDARD vorliegenden Verhandlungsschrift in fettgestellten Lettern geheißen: "Bund, Land Vorarlberg und Gemeinde Bludenz lehnen eine Beteiligung definitiv ab!" Frage: Wieso geht der ÖRV genau jenes Risiko ein, das den Gebietskörperschaften, obwohl die Betriebskosten so niedrig sein sollen, zu hoch vorkommt? "Ich sehe nicht so sehr das Risiko, sondern die Chancen", sagt Bielowski dem STANDARD. Aber er sagt auch: "Wir sind die einzigen Verrückten, die sich so etwas antun." Die meisten Verbände tun sich schon schwer damit, genügend Mittel für Nachwuchspflege, Trainerausbildung und -gehälter, Trainingslager und Wettkampfreisen aufzubringen. Die meisten Verbände sind ständig am Jammern.

Ein erfolgreicher Verband

Mag sein, dem ÖRV geht es finanziell besser als den meisten anderen Verbänden. Ein guter Teil der Sportförderung ist erfolgsabhängig, und nach dem Skiverband ist der Rodelverband seit vielen Jahren am erfolgreichsten. Bei Olympia schaute seit 1964 fünfmal Gold sowie je siebenmal Silber und Bronze heraus. Seit 1992 gab es bei Winterspielen sieben Mal en suite zumindest eine ÖRV-Medaille. Bielowski hat keinen Grund zu jammern. Dem ÖRV geht es gut, und für die Olympiaworld-Abgänge kommt die öffentliche Hand auf. Die Olympiaworld erreicht insgesamt einen Deckungsgrad von rund 70 Prozent – wobei der Deckungsgrad des Eiskanals in Igls noch etwas darunter liegt, bei knapp 66 Prozent. Dass Igls durch Bludenz zusätzlich Konkurrenz erwachsen könnte, glaubt Bielowski nicht. Die Nachfrage sei groß genug, Igls sei "von der ersten bis zur letzten Minute voll ausgelastet".

Die Abgänge gibt es dennoch. Und es ist an sich nicht ungewöhnlich, dass der Steuerzahler dafür aufkommt. Anders wären viele Sportanlagen – wie auch Kulturinstitutionen – nicht zu erhalten. In Bludenz allerdings, wo die öffentliche Hand "definitiv" nichts springen lässt, könnten Abgänge ein echtes Problem darstellen. Der ÖRV hat sich verpflichtet, ein etwaiges Minus 15 Jahre lang abzudecken. Ein Businessplan wurde erstellt – und mehrmals adaptiert. "Das Betriebskonzept wurde zunächst hinsichtlich der Einnahmen sehr optimistisch aufgesetzt", sagt die grüne Stadträtin Fritz. "So sollte die Illusion entstehen, dass ausgeglichen bilanziert werden kann." Später sei "auch wegen unserer Einwände nach unten korrigiert" worden.

Ein politischer Wille

Dennoch stimmten die Grünen am Ende als einzige Fraktion geschlossen gegen den Bau des Eiskanals, ihre drei Stimmen und eine von drei freiheitlichen ergaben vier Gegen- bei 29 Prostimmen. Für Bürgermeister Katzenmayer stand "eine Volksabstimmung nicht zur Debatte, weil aufgrund der großen politischen Mehrheit eine klare Zustimmung gegeben war".

Mandi Katzenmayer, der Bürgermeister, und Michael Bielowski, der Verbandspräsident, wollen alle Zweifel wegwischen. "Wir haben einen Polster", sagt Bielowski. Davon auszugehen, dass die Zahl der Vorarlberger Kunstbahnrodler um 60 Prozent steigen werde, sei "realistisch". Es soll Incentives für Firmen geben, Angebote für Schulen, touristische Fahrten. Es gibt Ankündigungen etlicher Rodelnationen, dass sie Bludenz für Trainingsaufenthalte nützen würden, unter ihnen der chinesische Verband, der eine Mannschaft für die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking aufbauen will. Es gibt eine Zusage des Weltverbands (FIL), Trainingsfahrten von Nachwuchsrodlern in Bludenz zu sponsern.

Ein geduldiger Spaten

Was es noch nicht gegeben hat, ist der Spatenstich. Ursprünglich war man von einer Fertigstellung im verwichenen Winter ausgegangen. Später hieß es, die Bahn sollte bis Herbst 2017 stehen. Kürzlich war bereits von Anfang 2018 die Rede. Laut Katzenmayer sind "noch nicht alle Beschlüsse gefasst, und es liegen auch nicht alle Genehmigungen vor".

Spießt es sich am Ende doch noch in Bludenz? Die grüne Stadträtin Fritz hätte nichts dagegen. Sie zieht einen Vergleich zur ebenfalls beschlossenen Sanierung des Freibads in Bludenz. "Davon davon haben viele etwas, junge Menschen, alte Menschen, sportliche und weniger sportliche Menschen." Und aus welcher Quelle – ob Stadt, Land oder Bund – die Millionen in den Eiskanal fließen, sei letztlich zweitrangig. "Dieses Geld", sagt Karin Fritz, "ist unser Steuergeld." (Fritz Neumann, 27.3.2017)