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Experten: "Zigaretten müssen sehr teuer werden"

3. April 2017, 11:21

Für dieses Jahrhundert prognostizieren Experten eine Milliarde Tabaktote. Die drastische Erhöhung der Zigarettenpreise sehen sie als wichtigstes Gegenmittel

In diesem Jahrhundert könnten eine Milliarde Menschen weltweit durch den Konsum von Tabak sterben. Es müssten alle Maßnahmen getroffen werden, um das Rauchen weltweit zurückzudrängen. Dies erklärten kürzlich Experten bei einem Treffen der Zentraleuropäischen Initiative gegen Lungenkrebs in Prag.

"Es ist furchtbar. Erst vergangenen Montag habe ich eine 1969 geborene Patientin mit diagnostiziertem fortgeschrittenen Lungenkrebs bei mir gehabt. Sie hat zwei Töchter, eine sechs, die andere 16 Jahre alt und lebt mit ihnen von ihrem Mann getrennt", schilderte etwa der Wiener Lungenkrebsspezialist Robert Pirker (MedUni Wien/AKH) eine fast alltägliche Erfahrung in der Onkologie.

"Sechs Millionen Menschen sterben derzeit jährlich weltweit durch den Tabakkonsum. Im Jahr 2030 werden es rund acht Millionen Tote sein", sagte Pirker. Das Lungenkarzinom sei weltweit die gefährlichste Krebsart. Jährlich werden weltweit 1,8 Millionen Neudiagnosen gestellt. 1,6 Millionen Menschen sterben an der Krankheit. Die Zahl der Tabak-Opfer dürfte – wie der Onkologe mit Verweis auf die Berechnungen des britischen Epidemiologie-Gurus Sir Richard Peto darstellte – im 21. Jahrhundert bei steigender Weltbevölkerung die derzeitige Einwohnerzahl Afrikas (1,1 Milliarden Menschen) erreichen.

"Wir sind die letzten"

Der Linzer Lungenspezialist Kurt Aigner von der Initiative Ärzte gegen Raucherschäden begrüßte zwar die nunmehr von den Landesjugendräten beschlossene Anhebung des Tabak-Schutzalters auf 18 Jahre im Laufe des Jahres 2018, Österreich liege aber trotzdem im internationalen Vergleich bei den Tabakkontrollmaßnahmen schlecht: "Wir sind im neuesten europäischen Ranking, das erst vor wenigen Tagen herausgekommen ist, wieder die letzten." Von möglichen hundert Punkten erreichte Österreich nur 36. Vor Österreich rangieren mit geringem Abstand Deutschland, Luxemburg, Griechenland und Tschechien am Ende der Liste. An der Spitze liegt Großbritannien mit 81 Punkten vor Irland (70), Island (69) und Frankreich (64).

Österreich reiht sich mit seiner Raucherquote in die zumeist schlechten Länder Mittel-, Ost- und Südosteuropas ein. Inklusive der Gelegenheitsraucher greifen in Österreich laut von dem ungarischen Experten Gabor Kovacs präsentierten Zahlen etwa 33 Prozent der Männer und 35 Prozent der Frauen zur Zigarette. In Ungarn sind es 34 Prozent der Männer und 23 Prozent der Frauen. Die gesamte Raucherquote hätte sich in Österreich zwischen 1980 und 2012 von 28 auf 32 Prozent der Menschen erhöht und sei zuletzt aber stabil geblieben. In Ungarn sei sie durch Kontrollmaßnahmen von 35 auf 29 Prozent zurückgegangen.

"Verdreifacht man den Preis für die Zigaretten, halbiert man die Zahl der Raucher – und die Regierung gewinnt das Doppelte. Verdoppelt man den Zigarettenpreis, sinkt die Raucherrate um ein Drittel", zitierte Pirker den britischen Epidemiologen zu der wahrscheinlich wichtigsten Maßnahme zur Verringerung des Tabakkonsums.

Zigaretten teurer machen

Wie es bei dem Workshop hieß, müssten die Zigaretten entsprechend der Kaufkraft der Bevölkerung verhältnismäßig sehr teuer werden, damit solche Maßnahmen einen Effekt haben. Kovacs stellte dar, dass in Österreich der Durchschnittspreis für eine Packung Zigaretten bei 4,5 Euro liege, in osteuropäischen Ländern (Tschechien, Polen etc.) mit viel geringerer Kaufkraft bei um die drei Euro.

"Australien will bis 2020 den Preis für eine Packung Zigaretten auf 45 Australische Dollar anheben (32,17 Euro)", sagte die tschechische Expertin Eva Kralikova. Dies und Maßnahmen zur Behinderung der Erhältlichkeit von Tabakprodukten wären wohl am wichtigsten im Kampf gegen den Tabakkonsum.

"Uruguay hat das mit einem Onkologen als Präsidenten vorgeführt. Dort sank die Raucherrate bei der Schuljugend von 30 Prozent auf neun Prozent zwischen 2004 und 2014. Bei den Erwachsenen reduzierte sich die Raucherquote durch die verschiedenen Maßnahmen zwischen 2006 und 2011 von 32 auf 23 Prozent", sagte Pirker.

Richard Peto hat auf der Basis der Million Women Health Study übrigens errechnet, dass sich ein Rauchstopp immer auszahlt: Raucher haben eine dreifach höhere Mortalität als Niemals-Raucher. Hören sie erst mit 50 Jahren mit dem Griff zur Zigarette auf, halbieren sie immerhin noch ihr Gesamt-Sterberisiko auf den Faktor 1,56. Das 25-fache Lungenkrebsrisiko fällt bei einem Rauchstopp mit 50 immerhin noch auf das Sechsfache. (APA, 3.4.2017)