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150 investigative Journalisten für 1,35 Milliarden Menschen

6. April 2017, 11:06

Die seltsamen Wege der Zensoren: Medien in China beim Journalismusfestival

Perugia – Warum selbst deutschsprachige Medien-Webseiten wie Deutsche Welle oder Süddeutsche Zeitung zeitweise in China blockiert sind, darüber können auch Experten für die chinesische Medienlandschaft nur mutmaßen. Umso klarer ist: Wenn solche Fachleute beim Journalismus-Festival in Perugia über "China: Zwischen traditionellen und digitalen Medien" diskutieren, kommen sie um das Thema Zensur nicht herum.

Zwei Arten von Zensur: vor der Veröffentlichung durch direkten Einfluss auf Medienmacher. Und nach der Veröffentlichung durch Löschen oder (temporäres) Sperren von Webseiten oder Artikeln.

Spielregeln

Warum die chinesische Version der "Financial Times" (ftchinese.com) dabei als eines von wenigen westlichen Medien verschont bleibt, erklärt Zhang Zhi-An (Journalist und Dekan an der Sun Yat-sen University) mit der Symbolik für die Offenheit Chinas gegenüber dem Westen: Befolge unsere Spielregeln und du wirst nicht zensuriert.

Dabei berichte die Website durchaus kritisch, betont FTChinese-Journalistin Fang Wang. Doch als Wirtschaftsmedium biete sie weniger Angriffsfläche: Und: Britische Medien würden von den chinesischen Zensoren generell weniger problematisch eingeschätzt als die Pendants aus dem amerikanischen Raum.

Social Propaganda

Das Internet und Social Media bedeuten zwar auch in China einen Fortschritt zur freien Meinungsäußerung für die breite Masse, gleichzeitig aber eine zusätzliche Möglichkeit für die chinesische Regierung, den Nachrichten-Output für ihre Bürger zu beeinflussen. Ein Beispiel dafür ist etwa ein Video, in dem bunte Comic-Figuren von den so genannten "Four Comprehensives" singen, also den Entwicklungszielen von Chinas Präsident Xi Jinping. Zwar wurde das Video von der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua veröffentlicht – massive Verbreitung fand es dann aber über die sozialen Medien. Dazu haben vermutlich auch die über 100.000 Regierungsmitarbeiter beigetragen, die auf dem chinesischen WhatsApp-Pendant "WeChat" aktiv sind.

Social Propaganda: Rap über Chinas Entwicklungsziele.
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Kritische Bevölkerung gefragt

Technologisch halten Chinas Behörden mit: Sie löschen Posts in den Feeds der Bürger oder sperren vorübergehend IP-Adressen für bestimmte Medien-Seiten. Die User sind davon so genervt, dass sie jene Nachrichtenportale nicht mehr verwenden – und diese somit an Traffic verlieren, sagt FT-Journalistin Fang Wang.

Zhi-An hat erhoben, dass es in China mit seinen 1,35 Milliarden Einwohnern nur noch 150 investigative, offen regierungskritische Journalisten gibt. Vor drei Jahren seien es noch 350 gewesen.

Der Wissenschafter und Journalist begründet den Rückgang neben den schwierigen Bedingungen für Journalisten im Land vor allem mit den ökonomischen Schwierigkeiten traditioneller Medien – die bei professionellen Journalisten einsparen und auf kostenlosen, User-generierten Inhalt setzen. Damit ist es nun an der Bevölkerung, gegen Zensur und Propaganda anzulesen – und zu schreiben. (Tobias Holub, Sothany Kim, 6.4.2017)

Das Video von der Diskussion "China: Between traditional and digital Media" zum Nachsehen:

Auf dem Podium: Milica Pesic (Media Diversity Institute), Fang Wan (FTChinese.com), Xin Xi (University of Westminster), Zhang Zhi’an (School of Communication Sun Yat-sen University).
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Die Autoren

Tobias Holub ist Student am Journalismus-Institut der FH WKW und arbeitet als freiberuflicher Fotograf in Wien.

Sothany Kim studiert Content Produktion und digitales Medienmanagement an der FH WKW.

Zum Projekt

Vom Internationalen Journalismus Festival in Perugia berichten Studierende des Instituts für Journalismus und Medienmanagement an der FH Wien der WKW.