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Baugruppen: Suche nach dem Dorf in der Stadt

9. April 2017, 12:53

Ein Buch liefert Einblicke einer Bewohnerin in das Entstehen einer Baugruppe

Am Anfang steht eine Schwangerschaft: Zu diesem Zeitpunkt, so beschreibt es Immobilienjournalistin Barbara Nothegger in ihrem kürzlich erschienenen Buch Sieben Stock Dorf. Wohnexperimente für eine bessere Zukunft, habe sie begonnen, ihre Wohnverhältnisse zu hinterfragen. Gemeinsam mit ihrem Freund hatte sie seit Abschluss ihres Studiums in einer Altbauwohnung in Wien gelebt. Die Nachbarn kannten sie nicht.

"Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf": Dieser afrikanische Spruch ist der Ausgangspunkt für Notheggers Suche nach einer kinderfreundlichen Wohnform. Erst glauben sie und ihr Freund, dieses Dorf auf dem Land finden zu können. Doch sie entscheiden sich gegen das Einfamilienhaus in Oberösterreich – unter anderem, weil sie das als nicht nachhaltig empfinden.

Die Wohnungssuche in Wien ist schwierig. Schließlich wird die Kleinfamilie auf das Wohnprojekt Wien am Nordbahnhof-Gelände im zweiten Bezirk aufmerksam, bewirbt sich – und wird prompt aufgenommen.

Ökologischer Aspekt

Das Besondere an einer Baugruppe: Ein Haus wird gemeinschaftlich geplant und gebaut – und die Gemeinschaft spielt auch beim späteren Wohnen eine große Rolle: Beim Wohnprojekt Wien zählten Gemeinschafts- und Freiflächen und ein ökologischer Aspekt. Nothegger berichtet von vielen neuen Bekannten in der ersten Kennenlernphase, aber auch von langen Diskussionen zu kleinen Details des künftigen Hauses: Stundenlang wurde zum Beispiel darüber debattiert, ob die Türen im Haus nun mit Türklinke oder -knauf versehen werden sollen.

Schnell, so Nothegger, sei es um mehr als nur eine Tür gegangen, sondern darum, welche Art von Nachbarschaft man eigentlich wolle: eine offene oder eine geschlossene. Am Ende stand die überraschend simple Einigung: Die Bewohner jeder Wohnung durften selbst entscheiden, welche Variante sie bevorzugen.

Auf dem Plan standen Aktivitäten zum Kennenlernen der künftigen Mitbewohner – gemeinsames Singen und Gitarrespielen inklusive. In der Baugruppe wurde auf Soziokratie gesetzt: Eine Entscheidung gilt also, wenn es keine begründeten Einsprüche mehr gibt. Es geht also nicht darum, den perfekten Beschluss zu fassen, sondern mit der Entscheidung leben zu können.

Kleine und große Aufregungen

Interessant sind die kleinen und die ganz großen Aufregungen im Bauprozess: Mit der Alpine-Pleite kam der Baugruppe ihr Generalunternehmer abhanden, die Baustelle stand still. Dann, als diese Krise überwunden war, mussten die künftigen Bewohner um die Finanzierung des Hauses, das wenige Tage vor Einzug dem Bauträger Schwarzatal abgekauft werden sollte, zittern. Das nötige Geld von der Bank kam in letzter Minute. All die Mühen in der Planungs- und Bauzeit dürften sich aber ausgezahlt haben: Das Wohnprojekt Wien wurde 2014 mit dem Staatspreis für Architektur & Nachhaltigkeit ausgezeichnet.

Auch wenn die Nachbarn bei Problemen stets zur Stelle sind und sich im Haus für die Kinder immer etwas tut: Nothegger thematisiert auch die negativen Seiten der engen Hausgemeinschaft. Den Druck dabei zu sein, um nichts zu verpassen. Die Enttäuschung, wenn man zur Party der Nachbarn nicht eingeladen wird. Und die wichtige Erkenntnis: Die Wohnungstür darf auch einmal verschlossen bleiben. (Franziska Zoidl, 9.4.2017)

Barbara Nothegger, "Sieben Stock Dorf. Wohnexperimente für eine bessere Zukunft". € 19,- / 176 Seiten, Residenz-Verlag

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