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"Schneeflockensommer": Von Schuld getrieben

10. April 2017, 10:08

Barbara Schinkos Text wurde mit dem Österreichischer Jugendbuchpreis 2016 ausgezeichnet

Ein Mädchen auf der Flucht vor namenlosem Grauen; Kälte, Hunger, eine verlassene Hütte. Jemand stellt Katzenfutter hin, und "sie leckte das Fett vom Porzellanrand, wie es eine Katze getan hätte, bevor sie das Schälchen zurückbrachte". Die Selbstverständlichkeit, mit der die 14-jährige Marie sich katzenhaft verhält, versetzt in die spezielle Atmosphäre des Romans: Taten und Worte sind märchenhaft – schlicht, verträumt, grausam -, die Figuren drastisch, holzschnittartig.

Referenzen auf Märchen und lokale Sagen verankern das Geschehen tiefer in einer Zwischenwelt, in der die "Eisen-Berta" und "Rapunzel mit dem Goldhaar" neben "Feuerwehrfest" und "naturtrübem Apfelsaft" ihren Platz haben. Wovor Marie flüchtet: sich selbst. Ihrer Schuld.

Marie hat etwas Unverzeihliches getan und sah keinen anderen Weg: Sie "rannte, rannte, rannte". Und weiß doch tief im Innern: Sie muss sich ihren Dämonen stellen. Kein Lesefutter, vielmehr ein Text, der mit Muße erlesen werden will und mit intensivem Miterleben belohnt. Österreichischer Jugendbuchpreis 2016. (Helmuth Santler, Album, 8.4.2017)