Bild: Thimbleweed Park

"Thimbleweed Park" im Test: Point-and-Click so gut wie 1987

Rezension |
21. April 2017, 11:00

Das jüngste Pixelabenteuer von den Machern von "Maniac Mansion" und "Monkey Island"

Es ist das Jahr 1987. Eine Generation an Spielern durchsucht die "Maniac Mansion" nach Benzin für eine Kettensäge. Der Insiderjoke aus dem gleichnamigen Videospiel (es gibt kein Benzin, die Kettensäge ist nutzlos) wird die Spielewelt für Jahre begleiten und das Point-and-Click-Abenteuer wird als Meilenstein des Genres eingehen. Nun haben die "Maniac Mansion"-Schöpfer Ron Gilbert und Gary Winnick ihr jüngstes gemeinsames Spiel ausgebrütet. "Thimbleweed Park" beschwört den Geist der 8-bit-Ära herauf und lädt ein, Point-and-Click noch einmal wie vor 30 Jahren zu erleben.

Am Anfang steht ein Mord

Die Geschichte spielt – nicht zufällig – im Jahr 1987 und beginnt mit einem Mord, zu dessen Aufklärung sich zwei Agenten in dem heruntergekommenen 80-Seelen-Städtchen "Thimbleweed Park" einfinden. Ray und Reyes sollen den Täter finden. Doch die Suche nach dem Mörder rückt in den Hintergrund, sobald das Duo auf die seltsamen Bewohner der Stadt trifft und sich herausstellt, dass der Mord nur eine Nebenrolle im großen Mysterium von "Thimbleweed Park" spielt. Wieso sind so viele Geschäfte und Häuser verlassen? Welche Rolle spielt die geschlossene Kissenfabrik und ihr verstorbenen Inhaber? Und welche Absichten hegen Ray und Reyes wirklich? Schnell wird klar, dass der Spieler weit mehr als einen Mordfall lösen muss.

Die Bedienung des Spiels erfolgt über eine klassische Point-and-Click-Oberfläche. Die abwechselnd spielbaren Charaktere werden mit dem Mauszeiger gesteuert und müssen mit anderen Figuren und Objekten interagieren, um Aufgaben zu lösen und Rätsel zu knacken. Das funktioniert, indem man mit der Maus am Bildschirm auf Aktionsverben wie "Öffne", "Gehe", "Rede mit" oder "Nutze" und in Folge auf eine Figur oder ein Objekt klickt. So kann man auch verschiedene Gegenstände ins Inventar aufnehmen und kombinieren. Mit welchen Gegenständen man in den Straßen und Gebäuden von "Thimbleweed Park" interagieren kann, lässt sich nur durch Ausprobieren herausfinden. Eine Hinweisanzeige, wo sich anklickbare Areale befinden, gibt es nicht.

Trailer zu "Thimbleweed Park"
ron gilbert

Fünf spielbare Charaktere

Im Verlauf des Spiels kommen zu Reyes und Ray noch die spielbaren Charaktere Dolores, Ransome der Clown und Franklin hinzu. Die Spieler können – mit wenigen Ausnahmen – jederzeit zwischen den Figuren hin- und herwechseln. Jeder Charakter hat seine eigene Hintergrundstory und verfolgt seine eigenen Ziele, für die Lösung des Spiels ist an einigen Stellen das Zusammenspiel erforderlich. Manche Aufgaben kann nur eine bestimmte Figur bewältigen. Die Handlung ist dabei in mehrere Kapitel unterteilt, die nach Erfüllung der jeweiligen Aufgaben aller Charaktere abgeschlossen werden. Das Spiel erstreckt sich über mehrere Areale, die teilweise erst zu einem späteren Zeitpunkt in der Handlung bereist werden können.

Trotz der klassischen Steuerung gibt es Unterschiede zu früheren Titeln, die das Spiel frustrationsfreier machen. So irrt man nicht wie in "Maniac Mansion" herum, ohne zu wissen, was man überhaupt tun muss. Welche Aufgaben erfüllt werden müssen, wird in den Notizbüchern jeder spielbaren Figur aufgeschrieben und bei Lösung abgehakt. Man kann auch keine Fehler machen, sodass man sich in der Spielehandlung in eine Sackgasse hineinmanövriert oder eine Spielefigur stirbt (es sei denn, es gehört zur Handlung.) Praktisch auch: der Spielstand wird automatisch gespeichert.

Zwei Spielmodi für Anfänger und Auskenner

Außerdem kann "Thimbleweed Park" in zwei Modi gespielt werden: Schwierig und Gemütlich. Ersterer richtet sich an Spieler, die gerne viel ausprobieren und auch nicht vor kniffligeren Rätseln zurückschrecken. Die Aufgaben sollten für eingefleischte Point-and-Click-Fans weitgehend ohne Hilfestellungen (aus dem Internet) zu bewältigen sein – nur ein paar Kombinationen sind so weit hergeholt, dass man durch Herumprobieren sehr lange für die Lösung benötigt. Etwa 15 bis 20 Stunden dürfte man für die Lösung in diesem Modus benötigen. Mit dem Gemütlich-Modus versucht man Spieler anzusprechen, die nicht mit den alten Lucasfilm-Titeln groß wurden. Hier wurden einige der besonders harten Rätselnüsse weggelassen.

Ob Neueinsteiger mit "Thimbleweed Park" aber ebenso viel Freude haben, wie Point-and-Klick-Kenner, ist fraglich. Das Spiel ist vollgestopft mit Referenzen auf alte Zeiten – und das bezieht sich nicht nur auf andere Games, sondern auch auf die Populärkultur der späten 80er und frühen 90er. So weisen die beiden Agents eine frappante Ähnlichkeit zu Mulder und Scully aus der Kultfernsehserie "Akte X" auf. Nahezu in jeder Szene finden sich Insiderscherze. Nicht gespart wurde auch an selbstreferenziellen Witzen auf die Spielebranche. Es gibt beispielsweise eine Spielefirma namens MMucasFlem und der Radiosender der Stadt spielt die fiktive Band "Razor and The Scummetts" auf und ab, die man auch aus "Maniac Mansion" kennt. Das freut den Kenner, läuft bei Neueinsteigern aber ins Leere. Woran sich nicht nur Anfänger stoßen könnten, sind die teilweise langatmigen Cut-Scenes und ausgiebigen Dialoge, die sich auch bei Wiederholung nicht überspringen lassen. Und die unzähligen Witze, mit denen sich die Entwickler selbst auf die Schaufel nehmen, sind teilweise etwas zu bemüht um wirklich lustig zu sein.

Für die Übersetzung der Untertitel in Deutsche zeichnete Boris Schneider-Johne verantwortlich, der schon an den alten Lucasfilm-Titeln gearbeitet hat. Da Schneider-Johne teilweise andere kulturelle Anspielungen als im Englischen verwendet – etwa Verweise auf Fernsehsendungen oder bekannte Persönlichkeiten – entsteht mitunter eine Diskrepanz zwischen dem gesprochenen englischen Text und den Untertiteln, die für den Spieler verwirrend sein können. Nicht alle Schmähs sitzen, der eine oder andere Lacher ist aber dabei.

Hommage an Genre und Fans

Dass es sich bei "Thimbleweed Park" um ein Projekt für Fans handelt, zeigte auch schon die Entwicklungszeit. Kamen "Maniac Mansion" oder "Monkey Island" – ebenfalls vom Duo Gilbert und Winnick – noch aus der berühmten Spieleschmiede Lucasfilm Games, wurde die Entwicklung des neuen Titels mittles Crowdfinanzierung gestemmt. Die 2014 erfolgreich abgeschlossene Kickstarter-Kampagne fand 15.623 Unterstützer. Diese konnten sich – je nach Betrag – auch selbst im Spiel verewigen lassen. Für 50 US-Dollar etwa landete der eigene Name in einem Telefonbuch, das im Spiel eine Rolle zur Lösung verschiedener Aufgaben spielt.

"Thimbleweed Park" ist ein Retrotrip für alle, die sich wünschen lieb gewordene Genreklassiker nochmal ganz von Neuem erkunden zu können. Lösungsansätze, bei denen man um mehr als eine Ecke denken muss, eine langsam erzählte Handlung und der Charme von Pixelkunst wird Liebhaber des Genres nicht enttäuschen. Aus den gleichen Gründen könnten sich jüngere Spieler auch davon abgeschreckt fühlen. Für das überraschende Ende lohnt es sich aber auch dann durchzuspielen, auch wenn man mit den vielen Anspielungen auf die Goldene Ära der Point-and-Click-Adventures nicht viel anfangen kann. Und vielleicht ist in 30 Jahren das nächste Revival des Genres ja eine Hommage an "Thimbleweed Park". (Birgit Riegler, 21.4.2017)

"Thimbleweed Park" ist für Mac, Windows, Linux und Xbox One verfügbar. Versionen für iOS und Android folgen noch. UVP: 19,99 Euro.