International Journalism Festival
User

Journalisten sollten mit ihrem Bedeutungsverlust umgehen lernen

11. April 2017, 07:00

Aber es wird sie auch 2030 noch brauchen? Darauf konnte sich ein Panel beim Journalismusfestival einigen

Perugia – Sie produzieren Fake News, heißt es vom US-Präsidenten abwärts, sie kopieren Presseaussendungen und schreiben ohnehin nur auf, was bereits auf Social Media zu finden ist: 2017 kann man sich schon die Frage stellen, ob es Journalisten überhaupt noch braucht.

Das internationale Journalismusfestival in Perugia stellte diese Frage soeben einer Handvoll Experten, die dazu etwas sagen können – einer Buzzfeed-Chefredakteurin etwa, einem Storyful-Gründer und Wissenschaftern. Mit Blick auf 2030. Was anderen Menschen dazu beim Journalismusfestival einfällt, ist eine andere Geschichte – die dieses Video erzählt.

Ja, aber!

Eigentlich sind die Diskutanten des Panels einig: Ja, es wird auch 2030 noch Journalisten und Journalistinnen brauchen. Aber. Ein Automatisierungsprozess würde zu einem großen Teil der journalistischen Aufgaben übernehmen, sagt Gavin Sheridan (Mitbegründer von Storyful und Geschäftsführer von Vizlegal) auf dem Panel.

Damit sind keine menschenähnlichen Roboter gemeint, sondern Programme und Algorithmen, die den journalistischen Arbeitsprozess vereinfachen sollen. Die Arbeit von Journalisten in Newsrooms – das Erfassen, Analysieren und Verbreiten von Nachrichten – sei nämlich immer noch zu ineffizient.

Eine private Frage

Mark Bunting, Visiting Associate am Oxford Internet Institute, sieht den Journalismus in Gefahr – durch Politiker, die freie Meinungsäußerung gefährden. Als Beispiel nennt er den umstrittenen Gesetzesentwurf in Deutschland, soziale Netzwerke für Inhalte dort verantwortlich zu machen. Damit müssten private Unternehmen entscheiden, was veröffentlicht und was gelöscht wird. (Die Entscheidung über die Veröffentlichung ist in Medien aller Art Alltag – und in Foren auf Medienplattformen ebenso.)

Was der Journalist ist und sein muss

"Interessiert es das Publikum überhaupt, ob der Inhalt von einem Journalisten stammt?" fragt Janine Gibson (Chefredakteurin Buzzfeed UK). Damit meint sie nicht die anwesenden Journalisten. Das Publikum und die Journalisten seien in den letzten Jahren auseinander gedriftet. Sie müssten wieder eine gemeinsame Basis finden – mit dem Publikum wie mit anderen Journalisten. Eine stärkere Zusammenarbeit im Ökosystem Journalismus sei notwendig, findet Gibson.

Sinnsuche

George Brock (Professor für Journalismus, City University London) sieht vier Punkte, die die Rolle des Journalisten in der Zukunft unverzichtbar machen: Verifizierung, Sinnstiftung, Augenzeugenberichte und Investigativer Journalismus. Aber es gehe um die Einstellung der Journalisten selbst, ergänzt er: Um seine Fähigkeit, mit aktuellen Herausforderungen wie Virtual Reality oder Adblockern umzugehen, und um seine Bescheidenheit: Sie sollten damit umgehen können, dass der Wert des Journalismus abgenommen habe.

In der Zukunft wird es um viel mehr als nur um die Frage des Wiederaufbaus der Zivilgesellschaft gehen, ergänzt Brock. Einen Raum für die Wahrheitsfindung in der Gesellschaft zu schaffen, sei nicht nur Sache der Journalisten, sondern eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung.

Welche Veränderungen auf den Journalismus zukommen

Im Jahr 2030 wird es noch Journalisten geben, darauf kann sich das Panel einigen. Die Aufgaben und Rollen im Journalismus waren in den letzten 13 Jahren anders und werden es auch in den nächsten 13 Jahren sein. Sheridan prognostiziert, dass die großen Medienhäuser bestehen bleiben und es Journalisten geben wird, die sich noch mehr auf Nischen fokussieren werden. Das Mittelfeld wird jedoch aufgelöst.

Bunting rechnet mit weit weniger Politikjournalisten. Es gebe eine Übersättigung an politischer Berichterstattung, aber nicht genügend Personen, die das interessiert.

Brock glaubt hingegen, dass die Anzahl der Sportjournalisten schrumpfen wird, da Sportergebnisse ohnehin schon automatisiert erstellt würden.

Und Gibson sieht 2030 das Ende von Moderatoren. "Das ist einer dieser Momente, auf die wir zurückblicken werden und sagen ‘Könnt ihr euch noch an Moderatoren erinnern? Diese armen Hunde.’" (Sothany Kim, 11.4.2017)

Das Panel "Will there be Journalists in 2030" beim Journalismusfestival 2017 in Perugia zum Nachsehen:

international journalism festival

Video: Was die Festivalteilnehmer sagen

Journalisten, Journalismusstudenten und Journalismusprofessoren über die Zukunft der Zunft – hier zum Nachsehen

Zum Projekt

Über das Internationale Journalismus-Festival in Perugia berichten Studierende des Instituts für Journalismus und Medienmanagement an der FH Wien der WKW. derStandard.at/Etat veröffentlicht weitere Berichte und Videos vom Festival mit seinen hunderten Panels und Präsentationen zwischen 5. und 9. April 2017 wegen der Fülle auch nach dem Event in den folgenden Tagen.

Sothany Kim studiert Content Produktion und Digitales Medienmanagement an der FH WKW.

Chiara Winkler studiert Content Produktion und Digitales Medienmanagement am Journalismus Institut der FH WKW sowie Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Uni Wien.