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Warum Betriebsräte gerade in der Gig-Economy wichtig sind

Gastkommentar |
13. April 2017, 07:00

Unternehmen der Gig-Economy wie Foodora stehen wegen problematischer Arbeitsbedingungen häufig in der Kritik – worum es dabei geht

Dieser Beitrag ist der erste Teil einer Artikel-Serie zum Thema "Spielregeln der Gig-Economy".

"Vor dem Zeitalter des Internets wäre es ziemlich schwierig gewesen, jemanden zu finden, der zehn Minuten für einen arbeitet, um ihn gleich danach wieder zu entlassen. Durch die neuen Technologien kann man diese Person nicht nur finden, sondern auch einen nur geringen Geldbeitrag zahlen und sie schnell loswerden" – Lukas Biewald bringt damit das Phänomen Crowdwork auf den Punkt: Hier werden Tätigkeiten, die ursprünglich zumeist von Arbeitnehmern erbracht wurden, in der Form ausgelagert, dass sie einer größeren Anzahl von Personen (der Crowd) über eine internetbasierte Plattform angeboten und von diesen abgearbeitet werden. Die Auslagerung wird als Crowdsourcing bezeichnet, die solcherart Arbeitenden als Crowdworker. Biewald betreibt eine solche Plattform.

Befristungen und Unsicherheit als Norm

Der Einsatz von Crowdwork beabsichtigt eine Just-in-time-Organisation von Arbeit, diese soll nur dann bezahlt werden, wenn sie tatsächlich geleistet wird. Der Begriff "Gig-Economy" beschreibt das sehr plastisch: Es wird auf die Art und Weise Bezug genommen, wie Musiker ihr Geld verdienen, nämlich in Form einzelner Auftritte – der "Gigs". Es geht um eine Wirtschaftsordnung, in der befristete Verhältnisse die Norm sind und hohe Unsicherheit herrscht.

Die Arbeit in der Gig-Economy ist dabei äußerst vielfältig: An dem einen Ende des Spektrums finden sich physische Dienste in der realen Welt wie etwa die Transportdienstleistungen bei Uber oder Reinigungs- und sonstige Haushaltstätigkeiten, die die Plattform Book A Tiger bereitstellt. Auf der anderen Seite liegt die digitale Arbeit. Hier gibt es relativ gut bezahlte qualifizierte Tätigkeiten von Design- und Softwareerstellung über das Testen von Computerprogrammen bis hin zu einfachen Tätigkeiten, die oft sehr gering bezahlt werden – zum Beispiel das Verfassen von Bildbeschreibungen auf Plattformen wie Amazon's Mechanical Turk oder Clickworker.

Bewertungen erzeugen Druck

Wie Biewald sagte, sollen durch Crowdwork einerseits die Entgelte niedrig gehalten werden, andererseits soll aber zugleich eine möglichst zeitnahe Erledigung ohne Qualitätsprobleme möglich sein. Dies ist unter der Voraussetzung möglich, dass die Crowd relativ groß ist, damit immer jemand zur Verfügung steht, wenn er oder sie gebraucht wird. Die Größe der Crowd hat auch den wohl erwünschten Nebeneffekt, dass der Wettbewerb, der bisweilen sogar weltweit stattfindet, die Preise niedrig hält. Ein zentrales Element ist die digitale Reputation zur Auswahl und Kontrolle der Crowdworker: Nach Erledigung eines Auftrags erhalten sie Punkte, Sterne oder ähnliche Symbole. Dies wirkt sich natürlich auf ihre zukünftigen Erwerbschancen aus. Damit wird auch sichergestellt, dass Crowdworker trotz nur kurzfristiger Vertragsverhältnisse so arbeiten wie in einer langfristigen Arbeitsbeziehung.

Arbeitsbedingungen meist schlecht

Die Gig-Economy stellt sich für einige in ihr Beschäftigte durchaus positiv dar. In erster Linie geht es dabei um deren Flexibilität und zeitliche Selbstbestimmung. Dies wird vor allem von jenen geschätzt, die nicht (nur) davon leben müssen. Freilich sind die Arbeitsbedingungen für die überwiegende Mehrzahl aber schlecht: Neben niedriger Entlohnung sind auch die sonstigen Bedingungen wegen der stark einseitig ausgerichteten, von den Plattformen vorgegebenen Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) problematisch. Diese sehen in der Regel vor, dass Arbeitsergebnisse ohne Begründung und ohne Entgeltzahlungspflicht abgelehnt werden können. Wir haben es somit mit einem hyperflexiblen, oft globalen und hochkompetitiven Arbeitsumfeld zu tun – das Chancen bietet, aber auch mannigfaltige Risiken beinhaltet.

Dem werden wir uns an dieser Stelle in den kommenden Wochen widmen. Als Nächstes wird es darum gehen, wie viele Menschen in der Gig-Economy arbeiten und wer sie eigentlich sind, bevor danach Plattformen genauer analysiert und arbeitsrechtlich eingeschätzt werden. (13.4.2017)

Zur Person

Martin Risak ist a. o. Universitätsprofessor am Institut für Arbeits- und Sozialrecht der Uni Wien und Koherausgeber des Buches "Arbeit in der Gig-Economy".