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Pirandello-Effekt: Audience-Engagement und die Revolution des modernen Theaters

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14. April 2017, 11:00

Ein Großteil des Publikums würde aber auch klare Grenzen ziehen, resümierten Medienvertreter beim Journalismusfestival in Perugia

Perugia/Wien – Zwei Themen dominierten das diesjährige International Journalism Festival (IJF) in Perugia: "Fake-News" und damit einhergehend der Umgang von Medien mit US-Präsident Donald Trump. Und "Audience-Engagement", also die Interaktion zwischen Medien mit ihrem Publikum.

Wer abseits der Panels durch die mittelalterlichen Straßen Perugias schlenderte, der könnte – wie der Autor dieser Zeilen – über ein Plakat gestolpert sein, auf dem die Aufführung eines Stücks in einem lokalen Theater angekündigt wurde: "Sechs Personen suchen einen Autor" vom sizilianischen Dramatiker Luigi Pirandello.

Das Werk wurde 1925 in Rom und Mailand uraufgeführt und revolutionierte mit einem Schlag die Grundregeln des Theaters. Pirandello hob die Barriere zwischen Schauspielern und Publikum auf, die Zuseher werden in "Sechs Personen suchen einen Autor" zu Darstellern, die Schauspieler zu Zusehern, alte Rollenbilder lösen sich auf.

Grenzen werden aufgelöst

Womit wir wieder bei Audience-Engagement und der Einbindung des Publikums wären. Was Pirandello vor fast 100 Jahren im Theater umgesetzt hatte, bestimmt nun die Medienwelt: Die Auflösung der Grenzen zwischen passiven (Publikum) und aktiven (Medien) Playern und neuen Formen von Interaktion. Immer mehr Medien experimentieren mit unterschiedlichen Formen von Audience-Engagement. Auch das Forum für Journalismus und Medien (fjum) initiierte vergangenes Jahr ein Lernlabor zu dieser Materie.

Pirandello heimste den Literaturnobelpreis ein. Flächendeckend durchsetzen konnte sich das Pirandello-Theater jedoch nicht. Die Zuseher, so scheint es, möchten nur ausnahmsweise eine aktive Rolle übernehmen und lassen sich lieber verzücken.

Hier gibt es durchaus eine Parallele zum Audience-Engagement: Beim Journalism Festival in Perugia sprachen sich zahlreiche Journalisten und Herausgeber von Medienprodukten über ihre Erfahrung mit Audience-Engagement. Viele berichten, dass ihr Publikum zwar gern bei der Themenfindung miteinbezogen werde möchte. Auch würden zahlreiche Leser, Zuseher und Hörer immer intensiver mit den Reportern interagieren. Ein Großteil des Publikums, so resümierten sie, würde aber auch klare Grenzen ziehen. Die eigentliche Arbeit – Recherchen, Interviews, Verfassen von Reportagen oder Kommentaren – wollen die meisten doch lieber den Medienprofis überlassen. (Gunther Müller, 14.4.2017)