Foto: Nicolas Armer

Chaim Cohns "Der Prozeß": Der Tod Jesu aus jüdischer Sicht

15. April 2017, 12:00

Eines der umstrittensten Verfahren der Geschichte in Revision: Cohns Buch wird nun mit einem neuen Nachwort wieder zugänglich gemacht

Zu den kurioseren Begleitumständen der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 zählten Petitionen, in denen vor allem protestantische Christen den gerade erst geschaffenen Obersten Gerichtshof in Jerusalem dazu aufforderten, einen ganz besonderen Prozess neu aufzurollen: die Anklage gegen Jesus von Nazareth. Dahinter stand eine Annahme, über die man natürlich an sich streiten kann: dass der Hohe Rat (Sanhedrin oder Synhedrion, je nach Schreibweise), von dem in den Evangelien die Rede ist, nun endlich einen Rechtsnachfolger hatte und somit eines der umstrittensten "Verfahren" der Geschichte in Revision gehen konnte. Gesichert erscheint daran kaum mehr als das Ergebnis: der Tod Jesu am Kreuz, wahrscheinlich im Jahr 30. Warum aber und auf wessen Initiative hin und unter welcher Jurisdiktion Jesus hingerichtet wurde, das verbirgt sich hinter einer langen Überlieferungsgeschichte. Ein Motiv wurde daraus besonders wirkmächtig: dass "die Juden" es waren, die Jesus ans Kreuz lieferten. Deswegen hatten nach 1948 auch Christen, und zwar vermutlich nicht die fortschrittlichsten, nichts Besseres zu tun, als sofort in Jerusalem um eine Rehabilitierung ihres Heilands einzukommen.

Ihr Begehr hatte eine unerwartete Folge: Chaim Cohn, einer der Richter, schrieb ein Buch: Der Prozeß und Tod Jesu aus jüdischer Sicht. Eine rechtshistorische Untersuchung, so weit sich das bei der schwierigen Quellenlage sagen lässt. Sie erschien erstmals 1968 auf Hebräisch, drei Jahre später folgte eine englische Ausgabe, die schon teilweise überarbeitet war, weil die Forschung zum Thema nicht stillsteht. 1997 kam eine deutsche Ausgabe heraus, die nun verdienstvollerweise mit einem neuen Nachwort wieder zugänglich gemacht wird. Die Fragen, mit denen Cohn sich beschäftigt, sind nach wie vor nicht endgültig beantwortet. Mit seinen verschiedenen Ausgaben macht das Buch nun selbst klar, dass es dabei mindestens so sehr um die jeweils aktuelle Geschichtspolitik geht wie um den Versuch, eine historische Wahrheit herauszufinden.

Die entscheidende Konstellation ist den meisten Menschen vor allem durch ein geflügeltes Wort geläufig: "Ich wasche meine Hände in Unschuld", sagt der römische Präfekt Pilatus im Matthäus-Evangelium, wörtlich. "Ich bin unschuldig am Blut dieses Menschen." Darauf antwortet "alles Volk": "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder." Dass diese Stelle nicht gerade wie eine Tatsachenschilderung klingt, leuchtet auch dem unbedarftesten Bibelleser ein. Das Gebiet des heutigen Staates Israel gehörte damals zum Römischen Reich, die jüdischen Autoritäten hatten in Jerusalem nur beschränkte Kompetenzen. Die Evangelien entstanden mehrere Jahrzehnte nach den Ereignissen rund um das Pessachfest anno 30, zu einer Zeit, als das junge Christentum sich von seinen jüdischen Wurzeln zu lösen begann. Sie sind deswegen Tendenzberichte.

Chaim Cohns Buch liest sich heute noch spannend und gibt eine lebendige Darstellung der Situation der damaligen Zeit. Er vertritt in einem entscheidenden Punkt eine Meinung, die den christlichen Erzählungen widerspricht: Das nächtliche Gespräch mit Jesus bei den höchsten jüdischen Autoritäten deutet er als einen Versuch, den umstrittenen Propheten vor größerer Gefahr und vor einem Prozess wegen eines Crimen maiestatis zu schützen. Es gibt darüber hinaus noch viele Detailfragen zu lösen. Zum Beispiel die Figur des Barabbas, dessen Begnadigung an der Stelle von Jesus Cohn für erfunden hält. Seine Rekonstruktion dessen, "was in Wirklichkeit geschehen sein könnte", ist eine Reduktion: Die einseitig ausgeschmückten, theologisch gefärbten Versionen der Evangelisten bestehen vor dem kritischen Auge schlecht.

Als 2004 Mel Gibson seine Version der Passion Christi in die Kinos brachte, wurde noch einmal deutlich, wie präsent die ältesten Vorurteile gegen "die Juden" noch immer sind. Was in Cohns Buch die "Pöbel-Theorie" genannt wird, wird bei Gibson konkretes, manipulierendes Bild: Die visuellen Klischees des Antisemitismus tauchten hier auf, während Jesus nicht anzusehen ist, dass er selbst aus diesem Volk stammt.

Bis heute tut sich die christliche Bibelwissenschaft schwer mit dem Buch von Chaim Cohn, dabei hat es im christlich-jüdischen Gespräch große Fortschritte gegeben. Aber das erschwert zum Teil sogar wieder die Forschung, denn während es lange Zeit als akzeptabler Topos galt, dass die Schoah zu den Strafen Gottes für die jüdische "Verstockung" zählte, sind die jüdischen Erfahrungen im 20. Jahrhundert nun Grund für eine Pietät, die bis in die Zeit vor 2000 Jahren zurückwirkt. Mit ihrem Begehren nach einer Revision haben die christlichen Eiferer nach 1948 vor allem einen Prozess auf den Weg gebracht: den einer radikalen Historisierung der Jesus-Erzählungen. Sie werden für uns immer nur so wahr sein können, wie es dem jeweiligen Stand der christlich-jüdischen und allgemein menschlichen Beziehungen entspricht. (Bert Rebhandl, Album, 15.4.2017)