USA und Russland: Historische Analogien

Kommentar der anderen |
14. April 2017, 16:18

Im syrischen Bürgerkrieg haben sowohl Russland als auch die USA ihre jeweiligen Interessen. Nicht zum ersten Mal stehen sie einander gegenüber: Aus dem Verhalten der beiden Länder während des Ersten Weltkrieges und des Kalten Krieges lassen sich Analogien bilden und Rückschlüsse auf ein mögliches Verhalten in der Gegenwart ziehen

So wunderschön war das Schauspiel des Morgens im Mai 1910, als neun Könige beim Begräbnis von Edward VII von England einritten ..." sind die ersten Zeilen in Barbara W. Tuchmans Buch The Guns of August, in dem sie das Hineinschlittern der Weltmächte in den Ersten Weltkrieg beschreibt.

Der Erste Weltkrieg

Gräuelpropaganda und gegenseitige Schuldzuweisungen beschleunigten diesen Trend. Tuchman endet mit den Worten: "Das war alles; die Zeit des Glanzes war Vergangenheit. Diese rief nicht im Namen des Ruhms 'Vorwärts, Männer!'. Nach den ersten dreißig Tagen des Krieges 1914 gab es eine Vorahnung dafür, dass wenig Ruhm in Aussicht war." Es war eine Falle, aus der es keinen Ausweg gab.

US-Präsident John F. Kennedy hatte vor der Kuba-Krise seinen Mitarbeitern das Werk von Barbara W. Tuchman zu lesen gegeben. Diese Analogie hatte wohl mäßigenden Einfluss auf Kennedys Entscheidungen im Fall der Kuba-Krise 1962, als er eine direkte Intervention auf Kuba ablehnte und die Krise unter der Nuklearschwelle hielt.

Der Kalte Krieg

In Krisen während des Kalten Krieges, in die beide Supermächte, die USA und die Sowjetunion, involviert waren, vermieden beide direkte militärische Konfrontationen. So haben sich die US- und die Rote Armee während des Kalten Kriegs keine einzige Schlacht geliefert. Allerdings war diese Gefahr bei der Berlin-Blockade 1948, dem Bau der Berliner Mauer 1961 und der Kuba-Krise 1962 zeitweise hoch. Politische Propaganda über den "Expansionsdrang des Imperialismus" und die "Welteroberungspläne des Kommunismus" verdeckten diese Rücksichtnahme.

Weniger vorsichtig waren die Supermächte dort, wo sie alleinigen Einfluss anstrebten. Am 2. August 1964 wurde der amerikanische Zerstörer Maddox im Golf von Tonkin von nordvietnamesischen Torpedobooten angegriffen.

Nach einem fälschlich gemeldeten weiteren Angriff zwei Tage später beschloss der US-Kongress mit überwältigender Mehrheit in beiden Häusern die sogenannte Golf-von-Tonkin-Resolution, in deren Folge die USA beginnend mit Spezialtruppen in einen blutigen zehnjährigen Krieg in Südostasien verwickelt wurden.

Asien versus Lateinamerika

Die Sowjetunion rechtfertigte ihre zehnjährige Intervention in Afghanistan ab 1979 dadurch, dass die USA in Lateinamerika ebenfalls keine instabilen Regime dulden würden und dass ein Verlust Afghanistans an die Islamisten automatisch eine Ausweitung der amerikanischen Einflusssphäre in dieser Region darstellen würde. Die USA wiederum sahen im Vorgehen der Sowjetunion die Manifestation eines sowjetischen Expansionsdrangs nach Südasien und in die Golfregion.

Im syrischen Bürgerkrieg haben sowohl Russland als auch die USA Interessen und Spezialtruppen. Der Krieg soll darüber entscheiden, ob Syriens Regime prorussisch, proamerikanisch oder islamistisch-jihadistisch und/oder antiiranisch sein wird. Chemiewaffen, Streubomben, Selbstmordattentäter, Bombardierung von Krankenhäusern und Zivilisten sind für die jeweilige Propaganda willkommene Anlässe.

Die Analogien bieten Hinweise auf den möglichen Verlauf des Krieges. Entweder Russland und die USA schlittern in einen Krieg mit Gefahr einer Eskalation auf überregionaler Ebene, oder sie erkennen die Gefahr und scheuen vor direkter Konfrontation zurück.

Es kann auch sein, dass sich eine der Mächte in einen langen Krieg verwickelt, um zu verhindern, dass die andere Fuß fasst. Ein islamistisch-jihadistisches Regime wäre für beide gleichermaßen problematisch, wobei man versuchen wird, zumindest in einem abgespaltenen Teil Einfluss zu bewahren.

Wiener Kongress als Vorbild

Es gibt eine weitere Analogie, die vor dem Ersten Weltkrieg (mit Unterbrechung) hundert Jahre relativ erfolgreich und von US-Außenminister Henry Kissinger während des Kalten Krieges in den 70er-Jahren aufgegriffen wurde. Es ist die Idee des Mächtekonzerts nach dem Vorbild des Wiener Kongresses von 1815.

Diese Analogie soll ein kooperatives Übereinkommen zwischen Großmächten darstellen, um gemeinsam die internationalen Beziehungen zu verwalten und den großen Krieg zu verhindern. (Heinz Gärtner, 14.4.2017)

Heinz Gärtner (geboren 1951) war wissenschaftlicher Direktor des Österreichischen Instituts für Internationale Politik (ÖIIP) in Wien und Senior Scientist am Institut für Politikwissenschaft an der Universität Wien. Der Politikwissenschafter ist Universitätslektor mit regelmäßigen Forschungsaufenthalten an der Universität Stanford und Autor des Buches "Der Kalte Krieg".