Foto: Im Kinsky

Risiko Raubkunst: Betagte Männer in aufgeregtem Zustand

18. April 2017, 09:00

Die Herkunftsgeschichte von Kunstwerken ist vielfach nicht mehr rekonstruierbar. Mal wurden problematische Provenienzen verschleiert, mal finden sich weder in der Fachliteratur noch in Archiven Hinweise. Das Risiko mit Raubkunst zu handeln bleibt

Wien – Es gibt nur wenige Branchen, die derart von den Raubzügen der Nazis profitierten, wie der Kunsthandel – sowohl während des Zweiten Weltkriegs als auch danach und bis heute. So ahnungslos sich die Altvorderen des österreichischen Handels rückblickend gerne präsentierten, sie waren es nicht. Die Bemühungen von Überlebenden des Holocausts, ihre beschlagnahmten und in alle Winde verstreuten Sammlungen aufzufinden, gehörten bis in die 1960er-Jahre hinein zum Branchenalltag. Davon zeugen die im Archiv des Bundesdenkmalamtes (BDA) erhaltenen Akten. Manches wurde gefunden und restituiert, anderes nicht. Letzteres galt fortan als verschollen, während es in Privatbesitz oder in Händlerdepots verwahrt wurde.

Über Jahrzehnte kamen solche Werke in Umlauf und wurden an die nächste Generation vererbt. Das Wissen um eine problematische Herkunft ging verloren, zeitgleich bot das österreichische Rechtssystem ein bequemes Ruhekissen. Der Kauf beim befugten Gewerbsmann verschafft bis heute gutgläubiges Eigentum.

Spärliche Angaben

Mit Raubkunst wird noch immer gehandelt, teils, weil die Herkunft nicht rekonstruierbar ist, teils, weil man sich gar nicht erst um diese bemüht. Manche vertrauen auf eine Überprüfung von "The Art Loss Register", wobei in deren Datenbanken nur gefunden werden kann, was als Verlust gemeldet wurde. Mit Provenienzforschung hat das nichts zu tun.

Blättert man durch die Kataloge der kommende Woche in Wien zur Versteigerung gelangenden Werke Alter Meister, wird ob der spärlichen Angaben deutlich, dass Recherche zur Herkunft kaum oder gar nicht erfolgte: "Aus europäischem" oder "aus österreichischem Privatbesitz", lauten die lapidaren Vermerke.

Zu den Knackpunkten dieses Segments gehören jedoch die wechselnden Zuschreibungen unsignierter Werke, die eine Identifikation verhindern. Dazu maß die Fachliteratur Vorbesitzern bis Ende der 1990er-Jahre kaum oder keine Bedeutung bei. Derlei erschwert die Rekonstruktion der Herkunft massiv.

Historische Spurensuche

Etwa auch im Falle von Martin Johann Schmidts (1718–1801) Gemälde Ermordung Caesars, das am 26. April im Kinsky zur Auktion kommt. Unter "Provenienz" zitiert man Rupert Feuchtmüller, Autor des Werkverzeichnisses von 1989, wonach das Bild 1943 über den deutschen Kunsthandel in das Gaumuseum Niederdonau gelangt war. Nach dem Krieg sei es "ohne Angaben von Gründen nicht mehr im Bestand des Niederösterreichischen Landesmuseums" geführt worden.

Tatsächlich war das Bild im Herbst 1943 zum Schutz vor Bombentreffern in das Stift Altenburg ausgelagert worden, erläutert Andreas Liška-Birk auf STANDARD-Anfrage. Laut dem Provenienzforscher des Landes Niederösterreich war es eines von etwa 20 Kunstwerken, die 1945 an diesem Bergungsort "verschwanden". Der Ankauf sei über Eugen Brüschwiler erfolgt, einen in München ansässigen Händler, der etwa im Zuge des "Sonderauftrags Linz" aktenkundig wurde. Woher Brüschwiler das Gemälde hatte? Darüber geben die im Landesarchiv erhaltenen Dokumente keine Auskunft.

Das Erwerbsdatum 1943 ist bedenklich, und insofern täte Recherche not. Zumal sich die Mehrheit der Schmidt’schen Werke aus dem Gaumuseum als Raubkunst entpuppten und längst an die Erben nach Oscar Bondy oder Luis Rothschild restituiert wurden.

Gemessen an seinem Œuvre, das auf religiöse Motive fokussierte, waren Profanthemen die große Ausnahme geblieben. Für Kunsthistoriker fielen sie deshalb kaum ins Gewicht. In der Monografie von 1879 wurde eine Beschreibung des Bildes publiziert: "Ein Knäuel von betagten Männern im aufgeregten Zustande, gehoben durch pikante Streiflichter, Ingrimm und Schrecken auf ihren Gesichtern."

Mehrere Fassungen

Die nächste Spur findet sich STANDARD-Recherchen zufolge in einem Auktionskatalog der Galerie St. Lucas von 1921. Roman Herzig, Inhaber in dritter Generation, hat dazu keine Aufzeichnungen mehr, lässt er wissen. Wäre das Bild ins Ausland verkauft worden, hätte es einer Ausfuhrbewilligung bedurft. Im BDA-Archiv finden sich hierzu keine Akten.

Zeitlich klafft eine Lücke bis 1943 und ab 1945. Laut Kinsky habe der Einbringer das Gemälde beim Wiener Kunsthändler Martin Suppan erworben – Mitte der 1970er-Jahre, wie der Einbringer im Gespräch bestätigt. Der pensionierte Primar möchte namentlich nicht genannt werden, nur so viel: Der Abt von Stift Altenburg hätte die Kunstwerke einst verkauft. Und er sei mit Rupert Feuchtmüller in Kontakt gewesen. Der habe ihm kurz vor seinem Tod 2010 von einer weiteren Fassung des Bildes erzählt.

Die Akademie der bildenden Künste verwahrt Feuchtmüllers Kremser-Schmidt-Archiv. In den von Kustos René Schober übermittelten Akten sind zwei Fassungen dokumentiert: ein im Werkverzeichnis irrtümlich als Querformat ausgewiesenes Hochformat und jene, die jetzt versteigert werden soll. Hinweise auf eine dritte Fassung gibt es dort nicht. (Olga Kronsteiner, 18.4.2017)