Leere Schaufenster in Wien

Kolumne |
19. April 2017, 17:02

Wien, wie man es bisher kannte, befindet sich in einem Umwandlungsprozess

Nichts ist deprimierender als leere, dunkle Schaufensterscheiben. Wer heute in Wien und anderen großen Städten durch die Straßen geht, stößt immer wieder auf Geschäfte, die zugesperrt haben. Und mit einem Mal wird einem bewusst, dass Geschäfte und Schaufenster zum Bild einer Stadt gehören und zu ihrer Schönheit beitragen, nicht weniger als Hausfassaden, Kirchen, Paläste und sogenannte Sehenswürdigkeiten.

Der Flaneur bleibt vor schönen Schaufenstern stehen. Der Berufstätige, der zur Arbeit hastet, geht vorbei und nimmt nur unterbewusst wahr, was es hier zu kaufen gibt. Aber er nimmt es wahr. Schöne Sachen und kitschige, teure und weniger teure, aber alle liebevoll aufgebaut und dekoriert. Die Eleganz einer Einkaufsstraße, ja einer Stadt, hängt von den Schaufenstern ab, die sie aufzubieten hat. Luxus ist ein Genuss für alle, auch für diejenigen, die weder das Geld noch den Wunsch haben, hier einzukaufen. Schicke Mode, kostbare Juwelen, schöne Möbel, neue Bücher – Windowshopping ist für den Stadtbewohner Lebensqualität.

Da stimmt es betroffen, wenn ein vertrautes Geschäft nach dem anderen plötzlich weg ist. Der Feinkostladen mit den italienischen Schinken und dem französischen Käse – verschwunden. Das Ledergeschäft mit seinen noblen Koffern und raffinierten Handtaschen – nicht mehr da. Dito das Haushaltswarenparadies mit dem Gütesiegel "k. k. Hoflieferant", wo schon die Großeltern der heutigen Wiener Bürger einkauften. Und man blickt besorgt auf die Läden, die noch vorhanden sind, aber in denen man selten Kunden erblickt. Das Briefmarkengeschäft? Der kleine Juwelier? Der Antiquar mit seinem k. u. k. Krimskrams? Wie lange werden sie sich noch halten?

Zu hohe Mieten, sagen Anrainer. Reiche Russen, die früher hier eingekauft haben, bleiben weg. Die Leute bestellen ihre Sachen lieber per Internet oder fahren in vorstädtische Einkaufszentren, wo die Waren billiger sind. Alles nachvollziehbar. Und meist ziehen in die Lokale irgendwann neue Mieter ein. Nicht immer ähnlich sympathische. Billige Textiloutlets mit T-Shirts, made in China, die wenig elegant auf Stangen auf dem Gehsteig hängen. Oder grelle Souvenirketten mit den ewig gleichen Klimtdrucken auf Regenschirmen und Duftkerzen. Wieso kommt niemand auf die Idee, zur Abwechslung hübsche Andenken herzustellen, fragt man sich. Und die neuen Geschäfte verschwinden oft so schnell wieder, wie sie aufgetaucht sind. Traditionsläden, die man schon seit jeher kennt, haben allmählich Seltenheitswert.

Sei nicht so altmodisch, sagen die Freunde. Die Stadt verändert sich eben. Schon Karl Kraus meinte: Alt-Wien war auch einmal neu. Gibt es denn gar keine positiven Veränderungen zu berichten? Ja, die gibt es, weniger in der Innenstadt als in den äußeren Bezirken. Künstlerateliers, Bioläden, orientalische Imbisse, Internetcafés, kleine Lokale, in denen junges Bobo-Volk verkehrt. Viel Türkisches und Balkanesisches. Elegant ist das alles nicht, aber lebendig und bunt. Und jedenfalls besser als leere Schaufenster. Es hilft nichts: Wien, wie man es bisher kannte, befindet sich in einem Umwandlungsprozess. Wir werden uns wohl oder übel daran gewöhnen müssen. (Barbara Coudenhove-Kalergi, 19.4.2017)

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