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Eine Einladung zur Entdämonisierung

Kommentar der anderen |
19. April 2017, 17:07

Das Schlechtmachen des Religionsunterrichts ist noch kein Argument für Ethikstunden in den Schulen. Religionen haben noch immer eine große gesellschaftliche Funktion – auch und gerade in explizit laizistisch ausgerichteten Gesellschaften

Abermals leuchtet im STANDARD das "Licht der Vernunft" exklusiv über dem Ethikunterricht und das "Licht der Finsternis" über dem Religionsunterricht. "Im Namen der Vernunft" tritt Lisa Nimmervoll (erschienen am 18. April) mit reichlich Polemik für einen verpflichtenden Ethikunterricht ein und will den Religionsunterricht abgeschafft wissen. Was sind ihre Argumente?

Wer sich vom Religionsunterricht abmeldet, wählt "Religionsfreiheit im Sinne persönlichen Freiseins von religiösen Geboten und (Denk-)Verboten", und doch weiß sie, dass die Abmeldung vom Religionsunterricht allzu oft aus gewissen Gründen und nicht aus Gewissensgründen erfolgt. Ebenso weiß sie als Fachjournalistin, dass ein Religionsunterricht, der "(Denk-) Verbote" propagiert und andere zu "Gottlosen" erklärt, im Widerspruch zu den geltenden Lehrplänen und den maßgeblichen Gesetzen steht. Uns beschäftigt die Frage: Warum benötigt Frau Nimmervoll die Dämonisierung des Religionsunterrichts als Argument für den Ethikunterricht?

Im Gegenteil stellen gerade Aussagen von ihr wie "gegen passives, unkritisches Glauben, aber auch 'alternative Fakten' aller Art helfen nur Wissen(schaft), Aufklärung und Bildung" im Grunde genommen Argumente dar für religiöse Bildung und eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Religion. Beide Verfasser sehen durchaus Probleme eines rein konfessionell getrennten Religionsunterrichts, aber dieses Modell als "pädagogisch und gesellschaftlich geradezu grotesk und fahrlässig" zu bezeichnen – dies entbehrt jeglicher empirischer und wissenschaftlicher Evidenz.

Pluralisierter Kontext

Des Weiteren mag man zwar propagieren, dass Religion eine Privatsache sei. Was aber ist das Argument dafür? Im Gegenteil ist die gesellschaftliche Funktion von Religion ein Klassiker religionssoziologischer Forschung und besitzt Religion im Blick auf Gesellschaft sowohl produktive wie auch problematische Tendenzen. Dabei ist in Staaten wie in Frankreich oder den USA, in denen eine strikte Trennung von Staat und Kirche durchgeführt wird, keineswegs ein Weniger an religiösen Fundamentalismen festzustellen. Gerade deswegen ist religiöse und (!) ethische Bildung ein wichtiger Beitrag für Bürger in einem weltanschaulich sowie religiös pluralisierten Kontext.

Ein Letztes: Antike Philosophie ist keineswegs älter als religiöse Vorstellungen über das menschliche Zusammenleben – aber das ist letztlich nur eine belanglose unrichtige Behauptung von Nimmervoll. Es wäre dagegen schon einiges gewonnen, wenn sie nicht nur die Toten im Namen von Religionen, sondern auch die Grausamkeiten im Namen säkularer und philosophisch basierter Weltanschauungen erinnern würde. Dabei geht es keineswegs um das kindische Spiel eines gegenseitigen Aufrechnens, sondern vielmehr um die Anerkenntnis, dass Menschen der religiösen, philosophischen und ethischen Bildung bedürfen.

Die angestrebte Polarisierung und Alternativlosigkeit (entweder/oder) wird dem Europa des 21. Jahrhunderts nicht gerecht. In dem von uns betriebenen Projekt "Religious Education at Schools in Europe" (www.rel-edu.eu) wird deutlich, wie länderspezifisch in Europa religiöse Bildung und ethische Bildung für alle ermöglicht werden können. Dazu gibt es in Österreich bereits mehr Ansätze und Versuche, dies zu verwirklichen, und auch aktuelle Forschungsarbeiten. Zudem haben die Wiener theologischen Fakultäten schon länger einen Vorschlag zur Diskussion gestellt, um aus der Polarisierung und Polemisierung hinsichtlich religiöser und ethischer Bildung herauszukommen.

Weniger Polemik

Die jüdisch-muslimische "High Level"-Initiative zur gegenseitigen Entdämonisierung könnte inspirierend sein. Vielleicht lässt sich Frau Nimmervoll für eine solche Entdämonisierungsinitiative in der Auseinandersetzung um Religionsunterricht und Ethikunterricht gewinnen. Polemik ist ja kein Kennzeichen der Vernunft und der Kompromiss ein Kennzeichen der Demokratie. (Martin Jäggle, Martin Rothgangel, 19.4.2017)

Martin Jäggle (Jahrgang 1948) ist emeritierter Universitätsprofessor für Religionspädagogik und Katechetik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

Martin Rothgangel (Jahrgang 1962) ist Professur für Religionspädagogik an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Uni Wien.