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Orbán hin, Erdoğan her: Langfristig ist die Demokratie auf dem Vormarsch

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20. April 2017, 13:42

Dennoch: Demokratische Errungenschaften sind niemals auf ewig garantiert

Es wäre gefährlich, das Abrutschen der Türkei in Richtung autoritäres System – beschleunigt durch das Ergebnis des Verfassungsreferendums vom letzten Sonntag – kleinzureden. Genauso wenig soll man die Angriffe auf Rechtsstaat und Medienfreiheit, die wir in Ungarn oder Polen erleben, trivialisieren. All diese Entwicklungen schränken die politischen Freiheiten und Bürgerrechte von Millionen Menschen ein.

Dennoch soll die Sorge vor antidemokratischen Tendenzen in manchen Weltgegenden den Blick auf die langfristigen globalen Trends nicht zur Gänze verstellen – und die sprechen eine eindeutige Sprache: Spätestens seit 1990 ist die Demokratie weltweit die dominante Herrschaftsform.

Wie die Grafik oben mithilfe von Daten des Polity-IV-Projekts zeigt (nur Staaten mit mehr als 500.000 Einwohnern werden erfasst), waren demokratische System lange Zeit die Ausnahme. Einen Tiefpunkt in der Entwicklung gibt es Ende der 1930er-Jahre, als aus mehreren europäischen Demokratien autoritäre Systeme werden (Österreich war eines davon).

Nach 1945 steigt mit der Entkolonialisierung die Zahl der unabhängigen Staaten sprunghaft an – die meisten davon sind allerdings zu Beginn nicht demokratisch. Erst mit den Demokratisierungen in Lateinamerika, Osteuropa, aber auch Teilen Afrikas und (Süd-)Ostasiens wird die Demokratie weltweit zum dominanten Regimetyp.

Streng autoritäre – oder gar totalitäre – Systeme sind hingegen seltener geworden. Neben Weißrussland und Kuba sind solche Regime hauptsächlich im Mittleren Osten sowie in Zentral- und Ostasien anzutreffen. Häufiger sind allerdings hybride Systeme (hier "Anokratien" genannt), die zwar fernab demokratischer Standards sind, aber ein gewisses Maß an politischem Pluralismus aufweisen (Russland wäre ein prominentes Beispiel).

All diese Entwicklungen führen dazu, dass heute mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in demokratischen Staaten leben – ein Privileg, das bis 1950 auf eine globale Minderheit beschränkt war.

Die Ereignisse in der Türkei, in Ungarn und Polen machen aber auch eines deutlich: Demokratisierungsfortschritte sind nicht in Stein gemeißelt. Die Reise geht zwar global und langfristig gesehen klar in eine Richtung, aber nichts garantiert, dass nicht einzelne Länder oder Regionen sich gegen diesen Trend stemmen. Und wie das Beispiel Türkei zeigt, geschieht das manchmal sogar unter Zustimmung weiter Teile der Bevölkerung. (Laurenz Ennser-Jedenastik, 20.4.2017)

Laurenz Ennser-Jedenastik ist Politikwissenschafter an der Universität Wien.