Foto: AP / Lee Jin-man

Südkorea: Keine Armee für schwule Männer

21. April 2017, 13:00

Der Armeechef soll laut einer NGO eine landesweite Fahndung angeordnet haben, um homosexuelle Rekruten auszuspionieren

Die Anschuldigungen erinnern an dunkle, in Österreich längst überwundene Zeiten: Der südkoreanische Armeechef Jang Jun-kyu soll eine landesweite Razzia in Auftrag gegeben haben, um schwule Soldaten aufzuspüren. Das behauptet eine Menschenrechtsorganisation, die über mehrere Wochen Aussagen von Betroffenen gesammelt hat.

Ausgangspunkt der Kontroverse bildet ein Video, das in sozialen Netzwerken zirkuliert und zwei junge Rekruten beim Geschlechtsverkehr zeigen soll. Südkoreas Militär veranlasste daraufhin laut eigener Aussage eine Untersuchung des Falls. Dabei soll es jedoch nicht geblieben sein.

Dating-Apps ausspioniert

Laut der NGO Military Human Rights Center for Korea (MHRCK) soll die Armeeführung mithilfe ihres Cyber-Ermittlungsteams heimlich Dating-Apps für Schwule ausspioniert haben, um homosexuelle Soldaten ausfindig zu machen. Ebenso sollen sie Telefongespräche abgehört und entwürdigende Einzelverhöre durchgeführt haben. Laut Zeugenaussagen wurden die Betroffenen dabei zu intimsten Details über ihr Sexualleben ausgefragt und aufgefordert, weitere schwule Kameraden zu outen. Bislang wurde ein Rekrut wegen "Sodomie" verurteilt, zwanzig weiteren droht eine Strafe vorm Militärgericht.

MHRCK veröffentlichte Mitschnitte von Telefongesprächen und Screenshots von Chatverläufen, um die Behauptungen zu untermauern. Die Armee selbst bestreitet die Vorwürfe. Das Verteidigungsministerium möchte sich nicht äußern.

Homosexualität ist zwar legal in Südkorea, jedoch gesellschaftlich stigmatisiert: Laut einer Umfrage des US Pew Research Center finden nur 18 Prozent aller Koreaner Homosexualität "akzeptabel". Radikale Christengruppen üben massiven Druck gegen eine Reformierung des Antidiskriminierungsgesetzes aus, das bislang sexuelle Minderheiten nicht mit einschließt.

Bis zu zwei Jahre Haft möglich

Das militärische Strafrecht stellt "Sodomie" zwischen Soldaten unter Strafe. Das Vergehen kann mit bis zu zwei Jahren Haft vergolten werden. Dieser Paragraf wurde erst im vergangenen Jahr von der Staatsanwaltschaft bestätigt: "Im Militär gibt es ein großes Potenzial für abnorme Sexualpraktiken", heißt es in der Urteilsbegründung. Diese würden ein ernsthaftes Risiko darstellen, die Kampfbereitschaft der Truppen zu schwächen.

"Mich überrascht der jüngste Skandal nicht. Viele Bereiche der südkoreanischen Gesellschaft sind noch immer homophob", sagt der 26-jährige Heezy Yang, der offen schwul lebt. Nach jahrelangen Behördengängen wurde ihm aufgrund seiner Angststörung der Ersatzdienst in einem Seouler Bezirksamt gestattet – eine absolute Ausnahmeregelung.

Makel im Lebenslauf

"Die meisten von meinen schwulen Freunden haben trotz der Sorgen, in der Armee diskriminiert zu werden, ihren Wehrdienst abgeleistet", sagt Yang. Wer dies nicht tue, hätte schließlich einen gravierenden Makel in seinem Lebenslauf, den nur wenige Arbeitgeber verzeihen würden: "Wenn man in der Gesellschaft dazugehören will, dann muss man es zu Ende bringen."

Ein paar seiner Bekannten hätten allerdings probiert, sich wegen ihrer sexuellen Orientierung ausmustern zu lassen – und seien allesamt gescheitert: "Schwulsein reicht als Grund nicht aus". (Fabian Kretschmer aus Seoul, 21.4.2017)