Foto: Peter Rigaud c/o Shotview Syndication

Jean Nouvel: "Man muss einen Ort lieben, um dort bauen zu können"

Porträt |
2. Juli 2017, 12:00

Der französische Architekt und Pritzker-Preisträger Jean Nouvel ist ein Meister der Illusion. Seine Wohn- und Hotelprojekte sind eine Gratwanderung zwischen Wirklichkeit und Fantasie. Ein Treffen

Die erste Frage ist gestellt, und schon brechen seine Hände aus, schon fangen seine Finger an zu tanzen, schon scheinen seine Fingerspitzen die Aura seiner Gedanken streicheln und umfassen zu wollen. "Man muss einen Ort lieben, um dort bauen zu können. Und glauben Sie mir, ich habe schon viele Orte auf der Welt geliebt. Ganz egal, wo ich bin und wo ich gerade arbeite, ich kann gar nicht anders, als die Schönheit dieses einen ganz bestimmten Ortes herauszukitzeln und mit meinen architektonischen Ideen zu liebkosen." Seine Augen werden immer größer, immer leuchtender, immer pantomimischer. "Oh ja, ich bin ein leidenschaftlicher Orteliebhaber."

Jean Nouvel, schwarzgekleidet wie immer, ist ein Geschichtenerzähler, ein Gedankenmaler, ein Lichtjongleur. Und er ist Architekt, einer der bedeutendsten und bekanntesten in ganz Europa. Zu den berühmtesten Bauten des Pritzker-Preisträgers zählen das Institut du Monde Arabe in Paris, die Galeries Lafayette in Berlin, die Erweiterung des Reina-Sofia-Museums in Madrid, der 45-geschoßige Corniche Tower in Doha, der phallisch bunte Torre Agbar in Barcelona, das preisgekrönte Wohnhochhaus One Central Park in Sydney sowie die Pariser Philharmonie im Parc de la Villette, die an einen schwarz-weiß gesprenkelten, soeben gelandeten Tarnkappenbomber erinnert. In Wien ist der Pariser Architekt für den von ihm gefüllten Gasometer A sowie für das Hotel Sofitel am Donaukanal bekannt. Aktuell baut er den Louvre in Abu Dhabi, dessen Eröffnung für Ende des Jahres vorgesehen ist.

Fixpunkte

"Mir wird oft vorgeworfen, meine Gebäude seien Skulpturen", sagt Nouvel im Gespräch, "aber das ist ein Missverständnis. Eine Skulptur kann von A nach B getragen werden und ist daher atmosphärisch höchst flexibel. Meine Gebäude jedoch sind fix mit dem Ort verbunden, an dem sie stehen, und nur für diesen konzipiert." Er blickt zum Plafond, deutet zum Fenster, greift sich aufs Herz. "Da geht es ums Sonnenlicht, um die Reflexionen im Glas, um die ganz bestimmte Anima des Gebäudes, die singulär und unverwechselbar ist. Man kann nicht ein Haus von einem Standort zum nächsten transferieren. Verstehen Sie, was ich meine? Ce n'est pas possible!"

Bei den meisten seiner Wohn- und Hotelbauten, die in den letzten Jahren realisiert wurden, handelt es sich um Hochhäuser. Ob das ein Zufall ist? "Ich glaube nicht an Zufälle. Aber ich glaube daran, dass das Licht und die Aussicht von hoch oben auf die Stadt ganz anders sind als aus den unteren Etagen. Das ist ein Zauber, den man kaum beschreiben kann. Das muss man gesehen haben." Im Sofitel in Wien ist die Aussicht aus den Hotelzimmern genau so konzipiert, dass Fenster und Matratzenoberkante auf einer Höhe liegen. "Man kann das Bett zum Fenster rollen, und wenn man sonst nichts Besseres zu tun hat, dann kann man einfach nur daliegen und die Wiener Skyline mit dem Stephansdom genießen. Was gibt es Schöneres, als mit diesem Blick einzuschlafen und wieder aufzuwachen?"

Das Hotel Sofitel in Wien mit der weit in die Nacht hinausstrahlenden Lichtdecke von Pipilotti Rist.
foto: yiorgis yerolymbos

Besonders dramatisch wird die Aussicht aus dem Tower Verre sein, besser bekannt als 53W53, in Manhattan. Das gläserne Hochhaus in der West 53rd Street, das sich derzeit in Bau befindet und Anfang 2018 übergeben werden soll, folgt den strengen Bebauungs- und Belichtungsbestimmungen New Yorks. Neben insgesamt 149 Apartments wird es auch ein Hotel, ein Restaurant sowie Erweiterungsflächen zum benachbarten Museum of Modern Art (MoMA) geben. Allein die ungewöhnliche Form, die sich nach oben hin verjüngt und eine statisch entsprechend komplexe Geometrie mit sich bringt, tut der Aussicht keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil: Fast scheint es, als würden die konstruktiven Diagonalen in der Fassade das Motiv rahmen und dem Ausblick auf Downtown und Central Park erst recht einen atemberaubenden Vordergrund bescheren.

Fast scheint es, als würden die konstruktiven Diagonalen das Motiv rahmen und dem Ausblick erst recht einen atemberaubenden Vordergrund bescheren: Hochhaus 53W53 in New York.
foto: atelier jean nouvel

"Die expressive Konstruktion ist sogar sehr wichtig", meint Jean Nouvel, "denn sie vermittelt einem das Gefühl, als säße man mitten in einem riesengroßen Baum, der aus der dichtbebauten Midtown 320 Meter hoch in den Himmel ragt. Und auch wenn das nur eine Illusion ist, so ist es doch genau dieses Spiel zwischen Sein und Schein, das unser Leben und unser räumliches Erleben erst so richtig spannend macht, oder?" Seine Finger wirbeln durch die Luft. "Das ist für mich Poesie der Architektur."

Poetisch sind auch die mehr als hundert Möbelentwürfe, die Nouvel bisher entworfen hat – darunter zahlreiche Stühle sowie Tische, Lampen, Lautsprecher, Bücherregale, Spiegel und Teppiche. Sein Lounge-Chair Milana, eine Art bequeme, mit geflochtenen Lederbändern neu interpretierte Version des Barcelona-Chairs von Mies van der Rohe, wird auf Auktionen bereits um fünfstellige Dollarsummen gehandelt.

"Ich würde mich nicht als Designer bezeichnen", sagt Nouvel. "Ich bin mehr ein mitunter designender Architekt, denn meine Liebe gilt immer der immobilen Ikone. Ich gebe zu, ein Möbelstück zu entwerfen, ist für mich ein Akt der inneren Zerrissenheit, denn tief drinnen in meinem Herzen wünsche ich mir, dass jedes einzelne Stück nur an einem einzigen dafür bestimmten Ort zu stehen hat. Aber das ist wohl unrealistisch." Erst kürzlich widmete das Musée des Arts Décoratifs in Paris dem Meister eine eigene Ausstellung. "Mes meubles d'architecte: sens et essence", so der Titel, umfasste rund 100 Werke aus 30 Jahren.

"Das Wichtigste ist für mich, an der Grenze zwischen Wirklichkeit und Fantasie, zwischen Rationalität und Poesie zu arbeiten", sagt der 72-Jährige, der als Kind und Jugendlicher davon träumte, Maler zu werden. "Ich möchte genau diese Rätselhaftigkeit in die Architektur übersetzen." Und tatsächlich, nicht selten wirken seine Wohn- und Hotelbauten, als seien sie mit dem Pinsel in die Stadtsilhouette gemalt.

Aus dem Hotel Renaissance Fira in Barcelona schaut man durch einen dichten Pflanzendschungel hinaus auf die Stadt. Die weiß bedruckte Glasfassade, die den Turm in einen Schleier aus Palmenkronen hüllt, verleiht dem Blick einen vegetativen Filter. "Es ist ein Spiel mit Licht und Schatten, mit Motiven und Konturen, ganz so, als hätte man einen riesengroßen Scherenschnitt über die Fassade gelegt."

Aus dem Hotel Renaissance Fira in Barcelona schaut man durch einen dichten Pflanzendschungel hinaus auf die Stadt.
foto: roland halbe

Immer wieder spielt Mutter Natur eine wichtige Rolle in Jean Nouvels Projekten. Im 16-stöckigen Wohn- und Büroturm White Walls in Nikosia, Zypern, scheint das grüne Dickicht in Pixeln durch die Außenmauern zu dringen.

Und beim Wohnhaus One Central Park in Sydney, das mit dem Internationalen Hochhauspreis 2014 ausgezeichnet wurde, wächst das Grün gleich büschelweise an den Wänden hoch. Das unorthodoxe Begrünungskonzept stammt – wie so oft in Nouvels Projekten – vom Pariser Landschaftsarchitekten Patrick Blanc. Auf der waghalsig hinausragenden Plattform im 30. Stock befindet sich ein Gartendeck mit Sonnenliegen und Whirlpools. Durch die elektrisch verstellbaren helio-statischen Spiegel soll das Sonnenlicht in die Straßenschlucht nach unten gelenkt werden.

Lichtmaler

"Ich bin sehr sensibel, was das Licht und die Lebendigkeit der Natur betrifft", erzählt Nouvel. "Mich haben immer schon die Kathedralen aus dem 11. und 12. Jahrhundert fasziniert. Später haben es mir dann auch die Glashäuser von Pierre Chareau angetan. Und natürlich auch die Arbeiten des Lichtkünstlers James Turrell. Ja, ich glaube, dass ich mit der Lichtmalerei, mit den vielen Spiegelungen und Durchsichtigkeiten in meinen Projekten meinen alten Kindheitstraum ausleben kann." Ein letztes Mal lässt er seine ausdrucksstarken Hände sprechen. Mit zappelnden Fingern und der Weichheit eines Magiers sagt er am Ende: "Wissen Sie, Architektur ist ein Mythos. Ich habe eine Sehnsucht, den Menschen zu verführen." (Wojciech Czaja, RONDO OPEN HAUS, 2.7.2017)


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Zur Person

Jean Nouvel wurde 1945 in Fumel geboren. Er studierte Architektur an der École des beaux-arts in Bordeaux sowie an der École nationale supérieure des beaux-arts in Paris. Er war Mitbegründer der Architekturbewegung Mars und kuratierte u. a. die Ausstellung "Les Années 50" im Centre Pompidou (1988). 2008 wurde er mit dem renommierten Pritzker-Preis ausgezeichnet. Zu den Projekten, die sich gerade in Bau befinden, zählen ein Ausstellungszentrum in Andorra, der neue Südbahnhof in Brüssel, das Europäische Patentamt in Rijswijk, das Nationalmuseum in Katar, der Louvre in Abu Dhabi sowie Hochhäuser in Paris, Marseille, New York, São Paulo.

www.jeannouvel.fr