Foto: Kern/'Facebook

Peinlicher als Pizza

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21. April 2017, 13:27

Die jüngste Facebook-Aktion von Christian Kern kann man auch so sehen: Der Mann probiert wenigstens etwas. Andere SPÖ-Werbepublikationen sind viel problematischer

Der Bundeskanzler trägt Pizza aus, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen, und stellt das dann auch noch auf Facebook – huch!

Da sind sich, vom Politikauskenner bis zum digital nativen Snob, gleich alle einig: So was kann nur peinlich sein! Und, oberpeinlich: Der Erste, den Christian Kern auf seiner Pizzabotentour besucht, ist auch noch ein roter Gewerkschaftsfunktionär!

Ganz abgesehen davon, dass es, wie ein Twitterant hämisch anmerkte, schwer sein muss, in einer Wiener Neubausiedlung in einem "guten" Bezirk nicht auf ein SPÖ-Mitglied zu stoßen – immerhin probiert der Mann etwas. Kern erklärt im Voraus seine Motive ("ins Gespräch kommen"), er tut nicht so, als mache er das nach Dienstschluss jeden Abend, und er vermeidet schulterklopfende Verbrüderungsversuche.

Nicht neu, aber halbwegs originell

Man kann ihm natürlich, wie die Oppositionsparteien, Populismus vorwerfen, weil er seine Versuche, mit dem Wahlvolk in Kontakt zu kommen, sofort öffentlichkeitswirksam auf Facebook inszeniert. Andererseits: Er versucht wenigstens, seine Botschaft halbwegs originell an Mann und Frau zu bringen – und er ist nicht der Einzige. Die Neos etwa veranstalteten "Tupper-Partys" in den Wohnzimmern interessierter Wähler. Und auch Irmgard Griss macht fleißig Hausbesuche.

Zudem kann man die Aktion auch als Botschaft nach innen, an die eigenen Funktionäre, verstehen. Nach dem Motto: Seht her, sogar ich, der Bundeskanzler, gehe von Tür zu Tür, um Wähler anzusprechen. Wer sich noch erinnert: 2014 startete die Wiener SPÖ ihre bisher größte "Hausbesuchsaktion", zumindest jeder zweite Wiener Haushalt sollte zumindest einmal aufgesucht werden. Nach der Wahl war von dieser Aktion kaum mehr zu hören oder zu lesen.

Wirkungsvolles Microtargeting

Dabei ist dies, trotz aller Digitalisierung, noch immer die wirkungsvollste Art des Wahlkampfs, wie etwa der erste Wahlsieg Barack Obamas bewies. Auch in der Kampagne des französischen Präsidentschaftskandidaten Emmanuel Macron spielte "Microtargeting" eine wesentliche Rolle. Es verwundert nicht, dass Kern vielen längst behäbig gewordenen SPÖ-Funktionären diesbezüglich Beine zu machen versucht.

Früher hatten SPÖ-Vorsitzende dafür die Parteipresse zur Hand. Heute könnte man natürlich Vertreter unabhängiger Medien auf eine Pizzatour mitnehmen – kein Medium würde sich die Gelegenheit entgehen lassen. Freilich wäre das Ergebnis, aus kommunikationskontrollierender Politikersicht, höchst ungewiss. Dagegen ist die Selbstpräsentation via Video eine sichere Bank.

Wiener Abwege

Und man muss Kern zugestehen: So gut wie Wiener SPÖ-Politikern geht es dem Bundesparteivorsitzenden längst nicht. Aus privaten Wiener Postkästen fischt man alle paar Tage in Hochglanz gehaltene, schicke Gratispublikationen, die das Wirken der Stadtoberen ausgiebig berühmen. Da lacht dann etwa großformatig Wohnbaustadtrat Michael Ludwig aus einer Zeitschrift, umgeben von Preisungen aktueller Wohnbauprojekte. Umweltstadträtin Ulli Sima darf Sachen halten, Bürgermeister Michael Häupl Sachen eröffnen.

Die p. t. Wiener Steuerzahler dürfen davon ausgehen, dass sie das am Ende alles selbst teuer bezahlt haben. Dann auch noch anzunehmen, das falle niemandem auf – das ist tatsächlich oberpeinlich. (Petra Stuiber, 21.4.2017)