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Rossmann: "Durch Kleidungsvorschriften wird keine Frau freier"

Interview |
24. April 2017, 14:16

Die Vorbereitungen für ein zweites Frauenvolksbegehren laufen an. Eva Rossmann, einst Mitinitiatorin des ersten Plebiszits, über alte Fehler, neue Gelöbnisse und Angstmännchen im Web

Wien – Im Wiener Kosmos-Theater präsentiert am Freitag das weibliche Netzwerk Frauenvolksbegehren unter dem Motto "Jetzt erst recht" seine Forderungen für den zweiten Anlauf, Frauen mehr in den Fokus der Politik zu rücken. Unter anderen am Podium: Schriftstellerin Eva Rossmann, einst Mitinitiatorin des ersten Plebiszits. Im STANDARD-Gespräch räumt sie ein, dass "wir" damals "verabsäumt haben", die türkischen Migrantinnen "mitzuberücksichtigen" – bei den Asylwerberinnen von heute solle dieser Fehler nun nicht mehr passieren.

Mit so mancher Forderung vor zwanzig Jahren dagegen wäre die 55-Jährige mittlerweile "viel vorsichtiger". Im aktuellen Streit über die Werbung eines Unterwäscheherstellers erklärt Rossmann, welche Männer sich über die Beschwerdeführerinnen am meisten aufregen – und was sie wohl dazu treibt, in diversen Internetforen "in die Tasten zu hauen".

STANDARD: Exakt zwanzig Jahre nach dem Frauenvolksbegehren, das einst 645.000 Menschen und damit mehr als zehn Prozent der Wahlberechtigten unterstützten, soll nun wieder ein Plebiszit zur Gleichstellung abgehalten werden. Gab es einen konkreten Moment, in dem Sie sich gesagt haben, jetzt tu' ich mir das noch einmal an?

Rossmann: Eines vorweg: Berufsvolksbegehrerin ist nicht mein Lebensziel. Deswegen habe ich mit der Organisation des neuen Plebiszits nichts zu tun, auch wenn ich es natürlich unterstütze. Hinter dem zweiten Anlauf steckt ein junges Netzwerk namens "Frauenvolksbegehren", das sich am Freitag vorstellt.

STANDARD: Bis heute klaffen in Österreich gemäß Eurostat die Bruttostundenlöhne von männlichen und weiblichen Beschäftigten um fast 23 Prozent auseinander. Kanzler und SPÖ-Chef Christian Kern setzt sich nun für Gehältergerechtigkeit ein. Für Sie glaubwürdig – oder bekamen Sie das auch schon von seinen Vorgängern allzu oft zu hören?

Rossmann: Natürlich zählt allein, dass solche Ankündigungen auch umgesetzt werden. Mir ist aber schon bewusst: Auch Kanzler Bruno Kreisky hat einst nicht aus reinem feministischem Bewusstsein heraus Johanna Dohnal zur ersten Frauenstaatssekretärin gekürt. Sondern weil er damals die Zeit für reif gehalten hat, dass er mit guten weiblichen Regierungsmitgliedern punkten kann. So interpretiere ich auch Kerns Aussagen zur Lohnschere: Für die meisten Menschen ist sie nicht mehr länger hinnehmbar – und deswegen braucht es auch unter anderem einen gesetzlichen Mindestlohn.

STANDARD: All das setzt aber zunächst die völlige Transparenz aller Löhne voraus. Halten Sie die Republik tatsächlich reif dafür?

Rossmann: Die Geheimniskrämerei hierzulande rund um die Gehälter und Zulagen ist absurd – dahinter steckt die pure Angst, dass uns allen etwas weggenommen werden könnte. Doch die Erfahrung zeigt, dass vor allem Männer auch oft über zusätzliche Remunerationen, wie Aufwandsentschädigungen oder Sitzungsgelder, zu einem besseren Verdienst kommen.

STANDARD: Einst haben Sie das Recht auf Teilzeit bis zum Schuleintritt des Kindes gefordert, das mittlerweile quasi eingeführt ist. Doch seitdem warnten die Frauenministerinnen der SPÖ sehr oft, dass weibliche Beschäftigte damit Gefahr laufen, auf nicht genug Berufsjahre für eine ansehnliche Pension zu kommen. Zu Recht – oder?

Rossmann: Leider hat sich mittlerweile gezeigt, dass zu lange Teilzeitarbeit tatsächlich zu einer Falle werden kann – und zwar auch, weil bis heute kaum Männer dieses Recht in Anspruch nehmen. Daher gebe ich zu: Heute wäre ich mit so einer Forderung viel vorsichtiger. Uns war es damals wichtig, parallel auch das Recht auf Rückkehr in das volle Erwerbsleben zu erwirken – doch wie man heute weiß, ist das bisher keineswegs gelungen.

STANDARD: Plädieren Sie für eine Ministerin, die sich wieder allein den Frauenagenden widmet?

Rossmann: Ja, denn wenn man die Gleichstellung ernst nimmt, wäre mehr als genug Arbeit für ein eigenes Ministerium da.

STANDARD: In der Flüchtlingsdebatte müssen sich Frauenrechtlerinnen oft anhören, dass sie nicht mit derselben Vehemenz gegen die patriarchale Einstellung von Asylwerbern aus islamischen Staaten ankämpfen wie bei einheimischen Männern. Ihre Replik auf solche Vorhalte?

Rossmann: Ganz einfach: Ich vertrete gegenüber allen Männern die Einstellung, dass das Konzept Halbe-halbe zu gelten hat – und zwar im Erwerbsleben wie zu Hause. Das ist keine Frage der Religionen oder der Herkunft. Doch ausgerechnet sehr rechtskonservative Politiker fordern jetzt oft die Gleichbehandlung der Frauen von Flüchtlingen ein, wo sie sich bis vor kurzem sogar darüber aufgeregt haben, dass nun auch unsere großen Töchter in der Bundeshymne gewürdigt werden. Das ist blanke Heuchelei. Und was mich auch stört: Nun werden Gesetze gegen die Burka und das Kopftuch gemacht, obwohl klar ist, dass keine Frau durch solche staatlichen Kleidungsvorschriften freier wird.

STANDARD: Fakt ist jedoch, dass bis heute nur 42 Prozent der Migrantinnen aus der Türkei hierzulande berufstätig sind, während bei Österreicherinnen die Rate bei 70 Prozent liegt. Haben sich neben der etablierten Politik bisher auch die Feministinnen zu wenig um ihre Emanzipation gekümmert?

Rossmann: Definitiv. Auch wir haben beim ersten Frauenvolksbegehren verabsäumt, diese Gruppe stärker mitzuberücksichtigen. Da haben wir alle – auch die Gewerkschaft – zu wenig Augenmerk darauf gelegt, weil man sich zu lange vorgemacht hat, dass die Gastarbeiterfamilien irgendwann wieder in ihre Heimat zurückkehren.

STANDARD: Eine Überlegung, die man bei den Asylwerberinnen von heute wohl besser nicht anstellen sollte.

Rossmann: Genau, und ich freue mich, dass sie da sind. Es muss für sie genug Angebote geben, damit sie bald ein selbstständiges Leben führen können – und das hört nicht beim Deutschkurs auf. Es geht darum, dass sie ihre Talente und Berufsziele umsetzen können – und wenn sie eigenständig leben können, dann können sie auch eigenständig entscheiden, ob sie ein Kopftuch aufsetzen wollen. Viele werden das nicht tun.

STANDARD: Im Streit um die Werbung eines Unterwäscheherstellers toben sich männliche Nutzer von sozialen Plattformen gegen weibliche Beschwerdeführerinnen aus. Haben Sie eine Erklärung, was hinter derartigen Aggressionen im Netz steckt?

Rossmann: Diese Angstmännchen, es sind ja nicht alle Männer, die da in die Tasten hauen, möchten unbequeme Frauen, die öffentlich ihre Meinung kundtun, damit am liebsten zum Schweigen bringen. Die haben den Verdacht, selbstbewusste Frauen sind ihnen überlegen, und das regt sie auf – vor allem weil sie befürchten, irgendwann von den Frauen beruflich wie privat überrollt zu werden. (Nina Weißensteiner, 24.4.2017)

Eva Rossmann (55), einst Verfassungsjuristin im Kanzleramt und Journalistin, lebt heute als Krimi- und Drehbuchautorin im Weinviertel. Die gebürtige Grazerin war 1997 Mitinitiatorin des ersten Frauenvolksbegehrens.

Wissen: Wie man erfolgreich begehrt

Trotz Unterstützung prominenter Frauenrechtlerinnen brauchen die neuen Initiatorinnen zunächst 8.401 Unterschriften (was einem Promille der Wohnbevölkerung entspricht), um ein Volksbegehren einleiten zu können. Damit das Begehren vom Nationalrat behandelt wird, sind dann insgesamt mindestens 100.000 Unterstützungserklärungen gefragt.

Parallel dazu starten die Frauensprecherinnen im Parlament demnächst Gespräche über einen Bonus bei der Klubförderung, mit dem ein hoher Anteil an weiblichen Abgeordneten in den Fraktionen – also ab 40 bis 50 Prozent – honoriert werden soll. SPÖ und ÖVP sind dafür, die FPÖ gibt sich gesprächsbereit, die Grünen drängen auch auf Sanktionen für allzu männerdominierte Parteien. Die Neos und das Team Stronach lehnen Quoten ab – wollen jedoch mitdiskutieren.

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