Foto: Im Kinsky

Ungeklärte Herkunftsgeschichte: Schicksalsjahre eines Bildes

28. April 2017, 19:13

Ein bei "im Kinsky" versteigertes Gemälde war bis 1935 im Besitz einer als jüdisch verfolgten Familie

Genau 40.000 Euro, so viel bot ein Unbekannter über einen schriftlichen Auftrag für Martin Johann Schmidts Ermordung Caesars. Den Zuschlag erteilte Kinsky-Auktionator Michael Kovacek Mittwochnachmittag (26. 4.) aufgrund des Schätzwertes (50.000 bis 100.000 Euro) jedoch nur unter Vorbehalt. Das Interesse an diesem Gemälde war enden wollend.

Vielleicht lag dies am vergleichsweise untypischen Motiv, vielleicht aber auch an der ungeklärten Herkunftsgeschichte. Wie berichtet ("Betagte Männer in aufgeregtem Zustand", 18. 4.) hatte "im Kinsky" die Provenienz nicht erforscht, sondern sich auf die unzureichenden Angaben der Fachliteratur verlassen.

Gemälde verschwand 1945

1943 war das Gemälde über den deutschen Kunsthändler Eugen Brüschwiler für 4000 Reichsmark (RM) in den Bestand des Gaumuseums Niederdonau (heute Niederösterreichisches Landesmuseum) gelangt und zum Schutz vor Bombentreffern ins Stift Altenburg ausgelagert worden. Dort verschwand es 1945 unter ungeklärten Umständen. Mitte der 1970er-Jahre tauchte die Ermordung Caesars beim damals als Antiquitätenhändler tätigen Martin Suppan auf, wo sie der aktuelle Verkäufer erwarb. So weit zur jüngeren Vita des 1789 gemalten Bildes, dessen Verbleib vor dem Ankauf durch das Gaumuseum im März 1943 nie erforscht wurde. Weder von Rupert Feuchtmüller, Autor des Schmidt'schen Werkverzeichnisses von 1989 und Co-Autor der ersten Werkmonografie von 1955, noch vom Auktionshaus.

Wie berichtet ergaben die Recherchen des Standard, dass das Gemälde im März 1921 bei einer Auktion der Galerie St. Lucas angeboten worden war. Ob und an wen es verkauft wurde, sei laut Roman Herzig, Inhaber in dritter Generation, mangels entsprechender Aufzeichnungen nicht mehr feststellbar. In den Ausfuhrakten des Denkmalamts fand sich keine Spur. Kein Wunder, denn tatsächlich war das Gemälde in Wien verblieben.

An den Schwerpunkten heimischer Museen orientiert, war die Österreichische Galerie in den 1930/40er-Jahren sowohl für den Kunsthandel als auch für Private der erste Ansprechpartner, wenn es um Angebote ging. Insbesondere, als die Barocksammlung damals sukzessive erweitert wurde. War das Bild dort je zum Kauf angeboten worden? Ja, wie eine aktuelle Anfrage beim Research Center des Belvedere bestätigt.

Konkret im Dezember 1934, von einer gewissen Josefine Jacobi, die in ihrem Schreiben auch den einstigen Erwerb bei der Galerie St. Lucas erwähnt. Das Museum verzichtete auf einen Ankauf, das im Archiv erhaltene Schreiben bleibt ein wichtiger Puzzlestein für die Rekonstruktion der Provenienzgeschichte dieses Bildes.

Rückstellungsverfahren 1949

Das Schicksal des Ehepaars Jacobi: Louis war mosaischer Herkunft, Josefine nicht. Da sie sich nach mehr als 30 Jahren Ehe nicht scheiden lassen wollten, unterlag auch Josefine als "Arierin" den für Juden geltenden gesetzlichen Vorschriften. Ihrer Vermögensanmeldung ist zu entnehmen, dass sie etwa Wertpapiere, Silber (500 RM), Teppiche (1000 RM) und Bilder (2000 RM) besaß. Weiters ein in der Colloredogasse 14 (18. Bezirk Wien) gelegenes Einfamilienhaus mit Garten – bewertet mit 40.000 RM und belastet mit "grundbürgerlichen Hypotheken" von insgesamt 49.000 RM.

Louis Jacobi war hingegen de facto mittellos. Sein einst erfolgreich (seit 1921 alleinig) betriebener Maschinenhandel J. Giedion war laut einer Beilage zum Stichtag 27. April 1938 völlig überschuldet und die Außenstände aufgrund des Anschlusses uneinbringbar. Aufgrund der prekären finanziellen Situation war das Ehepaar gezwungen, das seit 1919 im Besitz Josefines befindliche Haus zu verkaufen. Im April 1939 erwarb es Ernst Streeruwitz, ein Befürworter des autoritären Ständestaates und des Anschlusses.

Im Zuge des Kaufs übernahm er, wie ein Akt von 1949 dokumentiert, eine Hypothek in der Höhe von 35.533 RM und bezahlte 13.666 RM in bar. Die Jacobis fanden vorübergehend in der Nachbarschaft Unterschlupf – im Haus von Fritz Murath, dem damaligen Vorstand der chirurgischen Abteilung des Polizeispitals in Wien. Im August 1942 waren sie schließlich gezwungen, in eine Sammelwohnung in den 2. Wiener Gemeindebezirk zu übersiedeln, wo Louis Jacobi im Juni 1943 verstarb. Im Zuge eines Rückstellungsverfahrens verglich sich seine Witwe 1949 mit Streeruwitz: Gegen eine monatliche Rente von 300 Schilling verzichtete Josefine Jacobi auf alle weiteren Ansprüche.

Was mit den Bildern im Wert von 2000 RM geschah, ist unbekannt. Ebenso, ob die Jacobis zwischen Jänner 1935 und März 1938 noch einen Käufer für das martialische Motiv des "Kremser Schmidts" fanden. (Olga Kronsteiner, Album, 28.4.2017)