"Tosca": Puccinis prächtige Partien

7. Mai 2017, 16:32

Fulminante Wiederaufführung an der Staatsoper

Wien – Ja, es wurde natürlich heftig und lang applaudiert, nachdem Jonas Kaufmann E lucevan le stelle gesungen hatte. Und ja, das Publikum der Freitagsvorstellung von Puccinis Tosca, es wollte sich natürlich ein Dacapo erklatschen, so wie es bei Kaufmann vor gut einem Jahr gelungen war.

Aber nein, der deutsche Startenor wiederholte seinen nächtlichen Gesang nicht – und machte damit das einzig Richtige. Wenn Kaufmann erneut eine Ehrenrunde eingelegt hätte, das Publikum hätte in Zukunft wohl stets auf einen Doppelpack spekuliert. Und ob Angela Gheorghiu, die stolze Tosca, danach überhaupt noch den Weg auf die Bühne gefunden hätte, wäre wohl fraglich gewesen. Vor einem Jahr war sie erst mit Verspätung zur Hinrichtung ihres Geliebten erschienen.

Doch an diesem Abend war die Stimmung zwischen der rumänischen Künstlerin und dem deutschen Publikumsliebling glänzend. Gheorghiu gab die Tosca mit einer Spielfreude, einer Natürlichkeit und einer Differenziertheit, die fesselte. Speziell ihr erster Akt war mit das Beste, was man in dieser Partie an der Staatsoper erleben durfte. Ihre Verliebtheit, ihre Eifersucht, der unentschlossene Umgang mit Scarpia: So etwas bekommt man am Burgtheater nicht nuancierter gespielt. Nicht umsonst brandete nach dem ersten Akt eine Begeisterung auf, die fulminanter war als mancher Schlussapplaus.

Auch gesanglich ließ Gheorghiu mit ihrem warmen, weichen Sopran keine Wünsche offen. Klar: Sie ist eine Diva. Sie setzt ein, wann sie will, und die Tempovorgaben des Dirigenten sind für sie bestenfalls zum Ignorieren da. Wofür hat man auch eines der flexibelsten Orchester im Graben der Staatsoper sitzen? Eben. Kaufmann glänzte besonders im dritten Akt, sein Pianissimo war einzigartig, seine technischen Mittel stupend. Im ersten wirkte er mit seinem kehlig-kernigen Timbre neben der sonnenhellen Gheorghiu etwas statuenhaft. Zerstrubbelt und vokal druckvoll: Clemens Unterreiner als Angelotti.

Marco Vratognas Scarpia war ein lustvoller Gewalttäter mit der physischen Präsenz eines Kampfsportlers; mitunter bellte er die Partie regelrecht. Mit dem norwegischen Debütanten Eivind Gullberg Jensen hatte der Italiener einen verlässlicheren Dirigenten zur Verfügung als Ende Jänner mit Plácido Domingo. Rohe Gewalt, luxuriöse Pracht und die wärmende Glut der Liebe: alles da. Ein großartiger Abend. (Stefan Ender, 7.5.2017)

Weitere Termine am 8. und 11. 5. an der Wiener Staatsoper