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Don Bryant: Die Kraft der späten Jahre

10. Mai 2017, 11:00

Mit Don Bryant war nicht mehr wirklich zu rechnen. Der Soulmusik hatte er abgeschworen, eine große Nummer wie Al Green oder O. V. Wright war er nie. Jetzt aber erscheint sein Comeback-Album "Don't Give Up On Love" – und ordnet die Dinge neu

Wien – Der Beginn ist ein Wahnsinn. Zumal er ins Debakel führen könnte. Denn Don Bryant hebt an, den Song "A Nickel And A Nail" zu singen. Das erscheint insofern vermessen, als dass dieses Lied einst O. V. Wright durchlitten hat. Das bedeutet im Geheimorden des Southern Soul, dass es besser nicht geht. Denn Overton Vertis Wright war unter den Größten des Fachs ein Gigant. Wobei derlei Superlative seinem Werk ohnehin nicht gerecht werden.

Doch anstatt an seinen Ambitionen gleich eingangs ehrenhaft zu scheitern, nimmt einem Don Bryant den Atem. 48 Jahre nach seinem Debütalbum kracht er als 75-Jähriger in dieses Stück Musik gewordene Verzweiflung und macht sie sich zueigen, singt mit einer Inbrunst jene Zeilen, die Wright Anfang der 1970er mit Herzblut geflutet hat, singt von einem Mann, der einmal alles hatte und jetzt mit leeren Taschen und gebrochenem Herzen dasteht.

Don Bryant versucht sich an "A Nickel And A Nail" – und kommt durch damit.
fat possum records

Kommenden Freitag erscheint das Album "Don't Give Up On Love". Es ist das zweite Studioalbum von Don Bryant. Mit Bryant war nicht mehr wirklich zu rechnen. Dabei hat er Soul-Musik-Geschichte geschrieben. Schließlich traf er in den 1960er-Jahren den schwarzen Bandleader Willie Mitchell, der den Teenager umgehend als Sänger engagierte.

Doch sein wahres Talent war das Songwriting. Bryant schrieb Lieder für die großen und besseren Sänger des Labels Hi Records. Für Al Green. Für O. V. Wright oder für seine spätere Gattin, Ann Peebles. Angeregt von einer ihrer Bemerkungen verfasste Bryant 1973 den Song "I Can't Stand The Rain". Das wurde zuerst nur ein Achtungserfolg für Peebles, mauserte sich über die Jahre jedoch zu einem Klassiker des Genres, der in der Interpretation von Tina Turner in den 1980ern gar stadionkompatibel wurde. Dutzende Bands und Interpreten haben den Titel gecovert.

Achterbahnfahrten

Bryant veröffentlichte mit "Precious Soul" lediglich ein Album, 1969 war das. Nicht schlecht, aber doch nicht auf Höhe mit den emotionalen Achterbahnfahrten, die ein O. V. Wright der Welt hinterließ, nicht vergleichbar mit den sexuell und spirituell aufgeladenen Schleichern eines Al Green.

Dementsprechend lief die Karriere des Sängers Bryant bald wieder aus, zu singen hat der dennoch nie aufgehört. Wie es sich für einen Mann aus Memphis, Tennessee, gehört, lieh er seine Stimme fortan dem Gospel. Auf schwer erhältlichen Veröffentlichungen von Kleinstlabeln hört man ihn den Herrn preisen.

Deshalb war es schwer, ihn davon zu überzeugen, mit über 70 wieder weltliche Musik zu singen. Wesentliche Überzeugungsarbeit leistete da Howard Grimes. Der Schlagzeuger aus der Großfamilie des Labels Hi Records konnte Bryant letztlich dazu überreden. Erscheinen wird "Don't Give Up On Love" auf dem Label Fat Possum.

Gleißende Hammondorgel

Das ist ein verdienstvoller Verlag, der erst vergessene Blueser wie Junior Kimbrough oder R.L. Burnside veröffentlichte und später mit Solomon Burkes "Don't Give Up On Me" einen Grammy-beladenen Welterfolg einfuhr. Zuletzt legte es legendäre Alben von Al Green und O. V. Wright neu auf. Im ästhetischen Gewand des Hi-Labels erscheint denn auch der aktuelle Soul des Don Bryant.

Auf Basis einer gleißenden Hammondorgel schlurft er wie ein alter Kater durch unfassbare Songs. Das knietief im Gospel watende "How Do I Get There" hebt einem die Poren. Das hüpfende "I Got To Know" lässt sich nur über seinen Text im weltlichen Bereich verorten, ist ansonsten mit seinem naturlässigen Call-and-Response-Gesang ebenfalls ein astreines Gospel.

"How Did I Get There" – ein Porenheber von vielen auf Don Bryants neuem Album.
donbryantvevo

Bryants Stimme hat mit den Jahren deutlich gewonnen. Von Gebrechlichkeit keine Spur, fühlt er sich in jedem Song wohl, wirkt, als ließe er los, was er all die Jahre zurückgehalten hat. Die Produktion ist klassisch. Kein Schnickschnack, kein modischer Scheiß. Nur das Notwendigste, das aber mit 110 Prozent, ohne dass es anstrengend wirken würde.

"Don't Give Up On Love" ist ein Meisterwerk – ein "gottverdammtes" verkneift man sich nur aus Respekt vor dem Glauben seines Schöpfers. Der schmachtet derweil lebenserfahren durch "First You Cry" und ruft in_Erinnerung, warum Soul manchmal die schönste Musik der Welt ist. Grimes schmiert dazu sexy Rhythmen, die Bläser schmiegen sich an Bryants Gefühlsausbrüche, alles fällt, wie es soll.

Nachdem der Antrieb des Soul die Hoffnung ist, bleibt zu hoffen, dass Bryant sich ein Herz fasst, das Lied "One Ain't Enough" wörtlich nimmt und noch ein Album nachlegt. Dass zwei zuviel wären, wie er da irrtümlich weiter singt, redet ihm bitte jemand aus, danke. (Karl Fluch, 10.5.2017)