Illustration: Sandra Bayer

Ottakringer und vegane Kondome: Chefs tauschen Sessel

12. Mai 2017, 09:00

Ottakringer-Chef Matthias Ortner tauscht mit dem Chef eines Berliner Start-ups, das vegane Kondome macht, den Sessel. Es gehe um ein Voneinander-Lernen

Der Deal wurde bei einem Bier ausgehandelt: Ottakringer-Vorstandschef Matthias Ortner tauscht ab 22. Mai für eine Woche mit Philip Siefer, Co-Gründer Berliner Start-ups Einhorn, den Chefsessel. Einhorn macht vegane Kondome, also solche, die ohne tierische Produkte (meist Casein zwecks Weichmachung) fair erzeugt werden, und hat sich verpflichtet, lebenslang 50 Prozent der Profite für nachhaltig-soziale Zwecke zu spenden.

Selbstironie haben sie drauf – die Suche nach einem CEO haben die Gründer von Einhorn kurzerhand in eine Art Serie verpackt.
einhorn condoms

90 Mio. Umsatz des börsennotierten Familien-Bierkonzerns mit 176 Mitarbeitern steht eine Mio. Euro Einhorn-Umsatz mit 17 "Einhörnern" gegenüber. Welche übrigens so viel Urlaub machen dürfen, wie sie wollen, und sowieso dann und auch dort arbeiten, wann und wo sie möchten. Nach einem Tag mit Co-Gründer Waldemar Zeiler drängt sich allerdings der Eindruck auf, dass das sowieso rund um die Uhr ist.

Vegane Kondome gegen Bier? Kein Problem beim CEO-Sesseltausch.
illustration: sandra bayer

Wozu das Spektakel? Matthias Ortner, der in Marketingfragen für das 16er Blech seit langem mit Start-ups zusammenarbeitet, meint es ernst. Er wolle etwas erfahren, etwas lernen. Was genau? "Wie funktioniert das mit der totalen Freiwilligkeit in der Erwerbsarbeit? Mit selbstbestimmtem Gehalt? Geht das nur bei den Kreativen, oder passt ein Stück davon auch bei uns? Start-ups machen quasi aus nichts richtig große Geschichten – wie machen die das?" Also eine Menge Fragen. Obwohl: Mit Kondomen ist es auch vergleichsweise leichter, Aufmerksamkeit zu erringen, als etwa mit Details von Verbindungslösungen in der Halbleiterindustrie.

Sitzt bald in Kreuzberg: Ottakringer-CEO Matthias Ortner.
foto: ottakringer

Was den Ottakringer-Boss in Kreuzberg erwartet? "Er wird sich wundern", sagen die Einhörner etwas kryptisch und geben die eigene Perspektive auf ihren möglichen Gewinn: "Wird es beide Firmen danach noch geben? Wird es Kondome mit Biergeschmack geben? Hat die Ottakringer-Belegschaft danach so viel Urlaub, wie sie will? Kann Matthias Ortner dann so gut Snapchat wie Philip Siefer?" Vielleicht wundern sich die Einhörner in Wien-Ottakring auch. Wie weit sie tatsächlich hineindürfen ins Unternehmen? "Alles, was die Compliance erlaubt", sagt Ortner und hat für Philip Siefer tatsächlich seinen vollen Terminkalender zwecks Erfüllung zur Verfügung gestellt.

Philipp Siefer wird eine Woche in Wien verbringen und darf dort den vollen Terminkalender von Matthias Ortner abarbeiten.
foto: einhorn

Storytelling können sie wirklich, die Einhörner. Betriebswirtschaft auch – Gewinne gibt es nach zwei Jahren Einhorn und auch einen der hart umkämpften Listenplätze im Drogeriehandel bei DM.

Geld fließe beim CEO-Tausch jedenfalls nicht, sagen beide Unternehmensvertreter, darum gehe es überhaupt nicht. Mehr um einen dritten Ort zwischen den klassischen Zuschreibungen an einen Konzern aus der "alten" Welt und eine Organisation der "neuen": Bier vs. Kondome soll ja erst der Anfang dieser, würde man modern sagen, "learning journey" sein. Mit der Süßwarenindustrie wird gerade geredet. Denn "Start-up-Safaris ins Valley sind so 2016 ...". (kbau, 12.5.2017)