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Schon wieder. Muttertag

Essay |
14. Mai 2017, 10:00

In einer vollkommenen Entpolitisierung des Privaten ist jede Frau mit ihren Kindern ein Einzelfall geworden. Jedenfalls in Österreich

Gestern fiel er wieder. Der Satz. "Wegen der Kinder." Oder. "Wegen des Kinds." Natürlich ging es um irgendeinen Nachteil, der der Frau daraus erwachsen ist. Und. In beklemmender Weise ist das "natürlich" daran wörtlich zu nehmen. Es wird als naturgegeben angesehen, dass eine Frau in ihrem Leben Probleme wegen der Kinder hat.

In diesem Sinn ist es dann auch als "natürlich" anzusehen, dass diese Frau die Probleme selbst löst. Wenn sie das nicht kann, dann hat sie die Ursache dafür bei sich selbst zu suchen. Sie hat es eben nicht "geschafft". In einer vollkommenen Entpolitisierung des Privaten ist jede Frau mit ihren Kindern ein Einzelfall geworden. Jedenfalls in Österreich. Und das hat eine Geschichte.

Diese Geschichte beginnt in den 1970er-Jahren. Die Reform des Familienrechts war mehr als überfällig. Der Code Napoléon in Form des ABGB hatte immerhin seit 1811 seine Geltung gehabt. Die Idee des Vaters als Familienvorstand, der die Macht in der Familie ausübt, war nicht mehr aufrecht zu halten.

Ich kann mich gut erinnern, wie mein erster Mann und ich kichernd die Formulare ausfüllten, mit denen er mir 1972 erlaubte, einen Pass zu beantragen. Niemand nahm diese Aufsicht über die Frau und die Kinder mehr ernst. Aber. In trüberen Verhältnissen. Der Mann konnte für familiäre Gewalt nicht belangt werden. Väter übten ihr Bestimmungsrecht über Frau und Kinder weiter autoritär aus.

Die persönliche Autonomie

Es war klar. Wenn die Demokratie ernst genommen werden sollte, dann musste den Frauen die persönliche Autonomie ermöglicht werden. Abhängigkeitsverhältnisse, wie sie im ABGB 1811 für die Familie galten, waren direkt gegen diese demokratisch notwendige Autonomie der Person gerichtet. Nur eine vollkommen rechtsfähige Person kann das vertragstheoretische Modell der Demokratie erfüllen.

Die Familie als hierarchisch geordnete Kleineinheit des Staats musste aufgelöst werden und jede Person für sich verantwortlich gemacht werden. In der Herabsetzung des Alters der Großjährigkeit und des Wahlrechts wurde etwas später den, aus dem autoritären Modell der alten Familie befreiten Kindern diese Autonomie zugestanden. Emanzipation wurde vom Staat eingeführt.

Damals. In den 1970ern. In fataler Weise stimmten in der Familienpolitik die Ziele der beiden Großparteien überein. In der SPÖ kämpfte Johanna Dohnal gegen den Nebenwiderspruch der Unterdrückung der Frauen. Sie wollte die Frauen als Wählerinnenpotenzial für die SPÖ sichern. Die SPÖ sollte die Partei sein, in der Frauen ihre Autonomie vertreten finden konnten. Die ÖVP reagierte auf die Neuerungen durch die 68er-Zeiten mit aggressivem Trotz.

Die Familienorganisation nach dem alten ABGB war vom Zeitgeist aufgelöst worden. Es war da schon offenkundig, dass der Familienalleinerhalter auch wirtschaftlich längst ein Phänomen der Vergangenheit war. Der bürgerlich-kleinbürgerliche Mann hatte alle Positionen im Verlauf der Nachkriegswirtschaft verloren. Aber darauf reagierten die bürgerlich-kleinbürgerlichen Männer mit diesem vorwurfsvollen Trotz und ließen es gleich ganz sein. Das mit dem Mann-Sein. Das ist seither den rechten Gesinnungen überlassen.

Absurdität der Wahlmöglichkeiten

Der bürgerlich-kleinbürgerliche Mann der ÖVP gab alle Rollen auf und gab sie an den Staat ab. Deshalb konnte eine Scheidungsrechtsreform im Parlament beschlossen werden, in der die Mutterrolle nicht mehr vorkam. Den SPÖ-Frauen war das die notwendige Voraussetzung, die Frauen für sich selbst sorgen zu lassen. Und. In den Diskussionen innerhalb der ÖVP wurde zynisch darauf hingewiesen, dass die Frauen ja selbstständig sein wollten. Dann, so grinsten die Verhandler damals. Dann sollten sie das auch sein. Und schafften die Alimente für die Mütter einfach ab. Und dennoch und gleichzeitig.

Es gibt sozialrechtlich immer noch die Vorstellung der Wahlfreiheit für die Frau. Nach ÖVP-Vorstellung soll eine Frau sich entscheiden können, ob sie "nur" als Mutter sich der Kindererziehung widmen will. Oder. Ob sie sich in ihrem Beruf verwirklicht. Wenn wir statt "im Beruf verwirklichen" Geld verdienen einsetzen, wird die Absurdität dieser Wahlmöglichkeit sofort offenkundig. Aber.

Der Mann hat mit der Wahlmöglichkeit eine Erinnerung daran behalten können, dass er doch der Alleinverdiener sein könnte. Der österreichische Mann musste auf diese Weise nie von der Vorstellung seiner Position in der bürgerlichen Familie als Familienvorstand endgültig Abschied nehmen und deshalb seine Rolle in der Gesellschaft neu gestalten.

Der von der ÖVP verlangten "Wahlfreiheit" verdankt der österreichische Mann, dass auch er irgendwann aus den Träumen eines konservativen Familienbilds mit ihm als Familienvorstand aufwachen muss und sich selbst in einer ganz anders geordneten Wirklichkeit des Kinderhabens einrichten muss. Meist tut er das zulasten der Erwerbsmöglichkeiten der Frau.

Mutter-Sein als historische Kategorie

Seither jedenfalls. Es gibt die Bevorschussung der Alimente. Es gibt das Kindergeld. Aber. Wenn der "Vater" hinter dem Staat verschwinden kann, weil der Staat ohnehin alle dem Mann einmal zugefallenen Pflichten erfüllt. Und. Wenn es die Mutterrolle als die nicht mehr gibt, deren Liebesarbeit in irgendeiner Weise abgegolten wird. Dann gibt es das nicht, was Mutter genannt wurde. Dann ist das Mutter-Sein eine historische Kategorie geworden, und wir sprechen sehr konsequent davon, "Kinder zu haben".

Der Staat folgte dieser kulturellen Entwicklung und stellte mit der gemeinsamen Obsorge das Kind in den Mittelpunkt der Rechtssituation. Wie diese Situation in der Praxis aussieht, das ist dem Staat ja gleichgültig. Über das Kindergeld ist der Staat ohnehin schon zum allesregelnden Übervater geworden.

Dieser Vater ist aber wiederum genauso streng wie der Vater des ABGB. Zwar wird nicht diskriminiert und alle Personen werden in die Steuerpflicht genommen und darin kontrolliert. Aber. Ähnlich wie 1868 die allgemeine Wehrpflicht in der Monarchie eingeführt wurde und der Staat sich so der Körper der Männer vergewisserte. So wurde seit den 68er-Jahren des 20. Jahrhunderts eine Art Geldverdienensverpflichtung für alle Geschlechter eingeführt.

Seit diese allgemeine Wirtschaftsverpflichtung in den 1980er-Jahren weitgehend abgeschlossen werden konnte, überlässt der Staat der einzelnen Person Selbstvorsorge und Selbstfürsorge. Dafür lässt der Staat diese Person dann auch ziemlich in Ruhe. Außer es könnte darum gehen, dass die Abgaben nicht geleistet wurden. Da wird der Staat dann sehr tätig und führt Registrierkassen und Bargeldbeschränkungen ein.

Das sind alte Reste sozialdemokratischen Misstrauens gegen Kleingewerbe und "Reichtum". Aber. Weil in der ÖVP ja doch auch autoritäre Familienmodelle schlummern, ist man sich in der Verhinderung von allzu viel Autonomie sogar gegen die Interessen des Kleingewerbes koalitionär einig. Das läuft nicht anders als in der Frage der Unabhängigkeit der Frauen. Wenn sie unabhängig sein wollen, dann müssen sie das auch aushalten, wird da gesagt. Und. Die Rahmenbedingungen für das Aushalten von oben diktiert.

Es kann doch nicht sein

Für die Frauen in Österreich heißt das, dass das Kinderhaben der Punkt ist, an dem Schicksal im Sinn des 19. Jahrhunderts einsetzt. Dieses Schicksal beginnt mit einem Partner und muss in den staatlichen Rahmenbedingungen gelebt werden. Nun wäre das ja irgendwie machbar. Wäre das Kinderhaben nicht so belastet. Dass das eine Last ist, das kommt aus dem kulturellen Rahmen, in dem das gelebt werden muss. Denn.

Wenn eine gesellschaftliche Kultur so selbstverständlich mit dem Kindhaben einen Knick in die berufliche Laufbahn einer Person machen kann. Wenn eine gesellschaftliche Kultur so selbstverständlich in einer Wirtschaft ausgelebt werden kann, die das Kindhaben eben zu einer Last erklärt. Wenn der Körper einer Frau immer schon als schwanger imaginiert werden kann und der Frau daraus ein Nachteil im beruflichen Wettbewerb erwächst. Wenn es dann irgendwann heißen muss, dass es die "Kinderpause" war, die zum Knick im Lebensweg führte. Und.

Wenn andererseits das Kindhaben als einzige Aufgabe nur den Frauen am äußersten Spektrum der Gesellschaft möglich ist. Wenn nur die erhaltene Frau eines begüterten Manns oder eine Sozialhilfeempfängerin es sich "leisten" können, bei den Kindern zu Hause zu bleiben. Dann ist es eben möglich, diesen immer mitschwingenden Verzicht in Sätzen wie "und dann kamen die Kinder" als natürlich zu bezeichnen. Gesellschaftlich wird das Kindhaben als natürliche Beschränkung erfahren. Wie immer ist diese "Natürlichkeit" aber sehr sorgsam hergestellt und diszipliniert die Betroffenen.

Nun leben wir also in einem Staat, der das Geschlecht abgeschafft und sich selbst an Vaters statt gesetzt hat. Diese Konstruktion muss aber dann noch in einer Kultur gelebt werden, die sich alle Vorbehalte Frauen gegenüber trotzdem und gerade deswegen erlaubt. Der Staat bedient sich dieser chauvinistischen Kultur durchaus zur Disziplinierung der Frauen und deshalb muss doch wiederum an diesen Rahmenbedingungen etwas verändert werden.

Denn. Es kann doch nicht sein, dass diese Zeit des Kinderhabens staatlich kulturell verordnet als selbstgewählter Verlust in die Frauenleben eingerechnet werden muss. Deshalb. Ich fordere zehn Jahre Pension für das erste Kind und je fünf Jahre mehr für jedes weitere Kind. Diese Pension gälte für die Person, die die Obsorge für die Kinder hatte. Nach der geltenden Rechtssprechung wird die Obsorge der Person zugesprochen, die in Karenz ging.

Diese Sätze

Da das zu etwa 95 Prozent die Frauen sind, die das machen, fiele diese Pension den Frauen zu, ohne dass wir sagen müssen, dass es eine Maßnahme für die Frauen wäre. Die Altersarmut der Frauen wäre ein wenig bekämpft. Und. Die Autonomie der Frauen eine Realität. Sie könnten ohne Sorgen auf ihre Selbstvorsorge schauen und müssten nicht einen unwürdigen Kampf um Alimente in unwürdigen Scheidungsprozessen führen. Und.

Der Staat sähe sich als Kind ebenso wohlversorgt. Und vielleicht könnte auf diesem Weg weitergegangen und eine Kultur entwickelt werden, die zunächst das Kindhaben aus der Frauenverachtungsselbstverständlichkeit herausschält. Denn. Gerade wieder. Gestern. Bei der Buchmesse in Stockholm. Ich wurde gefragt, warum ich so spät zu veröffentlichen begonnen hätte. Schon wollte ich wieder diese routinierten Sätze von den zehn Kinderjahren sagen, die eine verliert, wenn sie die Kinder alleine betreut. Ich sagte diese Sätze dann nicht. Diese Sätze.

Sie klingen so, als wären die Kinder schuld an den Problemen ihrer Mütter. Und das sind sie nicht. Wenn das Kinderhaben schwierig ist, dann sind es die Umstände rundherum. Die Partner. Die Arbeitsplätze. Die Arbeitgeber. Die Umgebung. Der kinderfeindliche öffentliche Raum. Das Sozialrecht. Das Familienrecht. Die gemeinsame Obsorge. Die Kinder haben mit dem allem nichts zu tun.

Das mit den Kindern

Aber warum, dachte ich in Stockholm wieder. Warum muss das alles so schäbig klingen. Die Zeit mit den Kindern war die schönste Zeit in meinem Leben. Ich möchte keinen Augenblick davon missen. Selbstverständlich konnte ich keinen Roman neben den Kindern schreiben, aber das war sowieso nie die Frage. Schwierig war alles andere. Aber nicht die Kinder. Und es sollte nicht diese ernsten Gesichter nach sich ziehen, wenn eine junge Frau überlegt, wie sie das in Zukunft machen soll. Das mit den Kindern.

Das mit den Kindern bedingt ein anderes Verhältnis von Staat und Wirtschaft als das, das gerade herrscht. Seit Väter in Karenz gehen wollen, wird der berufliche Abstieg, den die Karenz nach sich zieht, ja realistischer besprochen und wird vielleicht so ernster genommen.

Aber. Das Problem ist doch, dass der Staat die Autonomie der Personen regelt, dann aber nichts unternimmt, gleiche Chancen zu schaffen. Im Gegenteil. Die Ungleichheit wird mittels der möglichen Autonomie nur verstärkt. Der postbürgerlich-kleinbürgerliche Mann hat damit wieder alles zurückbekommen und mehr. Der postbürgerlich-kleinbürgerliche Mann hat sich mittels des emanzipierten Familienrechts und seinem symbolischen Kapital einen Markt geschaffen, auf dem er die größte Wahl an Frauen hat und die geringste Notwendigkeit, Verantwortung zu übernehmen.

Er hat seine neoliberale Elitenzugehörigkeit zu einer guten Position ausgebaut und kann sich eine Frau leisten, die zu Hause bleibt. Alle anderen hasten hinter den Unmöglichkeiten her, die beste Zeit ihres Lebens unbeschadet zu überstehen. Denn. Es gibt natürlich keinen Grund, warum das Kinderhaben nicht einfach eine wunderbare Zeit sein sollte. An den Kindern liegt das ja nun wirklich nie.

In den Diskussionen innerhalb der ÖVP wurde zynisch darauf hingewiesen, dass die Frauen ja selbstständig sein wollten. Dann, so grinsten die Verhandler damals. Dann sollten sie das auch sein.

Mutter und Kind gehen baden: Wenn das Kinderhaben schwierig ist, dann sind es die Umstände rundherum. Der Partner. Der Arbeitgeber. Die Umgebung. Der kinderfeindliche öffentliche Raum. Das Sozialrecht. Das Familienrecht. Die gemeinsame Obsorge. Die Kinder haben mit dem allem nichts zu tun. (Marlene Streeruwitz, ALBUM, 13.5.2017)