Foto: Armin Bardel

"Die Unsichtbaren": Vom Büroturm in den Kaninchenbau

18. Mai 2017, 11:21

Verdächtige Wirklichkeit: Otto Tremetzberger projiziert den gesellschaftlichen Albtraum in den Kopf seines Helden

Schon Otto Tremetzbergers schlanker Erstling (mit dem klingenden Titel Nelson Mandela hatte vielleicht eine schöne Zeit auf Robben Island, 2014) beschrieb einen Rückzug: Eine diffuse Mischung aus Gleichgültigkeit und Ekel veranlasst da den Helden, seinen Alltag hinter sich zu lassen. Was mit einem Urlaubsgesuch beginnt, endet in selbstgewählter totaler Isolation, eingekerkert in einem Atomschutzbunker, und man konnte nicht genau sagen, ob das nicht vielleicht ein Happy End war.

Tremetzbergers aktueller Roman, Die Unsichtbaren, führt da schon eine geläufigere, aber, wie sich herausstellt, ebenso folgenreiche Form des Rückzugs vor: den in sich selbst. Der Icherzähler, mittleres Management eines größeren Industriebetriebs, lebt in dem Zustand, den man wohl "innere Kündigung" nennt.

Teilnahmslos treibt er durch seinen Beruf, durch die Gänge und Kantinen. Was er von seiner Umgebung noch mitbekommt, von den Tischgesprächen seiner Kollegen, den bedrohlich wirkenden Ritualen der Hierarchie, dem Alarmgeschrei aus den Zweigstellen – alles das wirkt, als hätte sich da einer schon lange zurückgelehnt in einer Art innerem Kinosaal, in dem er eher widerwillig der Vorführung folgt.

Beobachtungen und Gesprächsfetzen wechseln sich dort ab mit Erinnerungen, Fantasien, ausführlichen Passagen im Konjunktiv. Auf Momente geistiger Abwesenheit folgen zeitlupenartig gedehnte, fast stillgestellte Szenen. Betäubt, betäubend wirkt das, aber das Beruhigungsmittel des Helden ist wohl schlicht ein nicht abzuschüttelndes Gefühl des Befremdens.

Anruf von K.

Eine Art Angestelltenroman also; bevor der Held sich allerdings wie die prominenten Kollegen im Genre zu langen Spaziergängen oder sexuellen Eskapaden entschließen oder sich den Blick für die sogenannten "kleinen Dinge" aneignen kann (das wäre in etwa die Variante Genazino), unterbricht eine Nachricht auf dem Schreibtisch den Trott, eine Notiz des Büronachbarn: "Du sollst K. anrufen!"

"K." ist ein alter Bekannter, für uns wie für ihn: Wir verstehen natürlich das wenig subtile Signal für zu erwartende Kafka-Anleihen, worauf man im weiteren Verlauf zum Glück nicht zwangsläufig achten muss. Für den Icherzähler ist K. ein Jugendfreund, ein ehemals bester Freund, wie es den Anschein hat, der sich im Lauf der Jahre jedoch zu einer Art ungeliebtem Gegenbild entwickelt hat: Zur eigenen privat wie beruflich profillosen, stromlinienförmigen Kompromissexistenz, die der Held nach einem Intermezzo am Theater eingegangen ist.

K. hingegen hat beruflich und privat nie Fuß gefasst, ist arbeitslos und verarmt, dafür politisch aktiv. Sein Gesicht findet sich auf Zeitungsfotografien von Demonstrationen – die wiederum der Icherzähler (so eine sinnreich eingeflochtene Episode) nur aus der Perspektive des verkehrsbehinderten Passanten auf dem Weg zum Meeting erlebt.

Zwei Methoden des Verschwindens

K. jedenfalls liegt gerade im Krankenhaus, dorthin gekommen ist er mit Prellungen und Abschürfungen, "ein Handgemenge", erfährt man. Der Icherzähler reist für ein paar Tage nach Wien, um ihm Gesellschaft zu leisten (man hat sich nur noch wenig zu sagen), und quartiert sich dabei in der heruntergekommenen Wohnung des Freundes ein.

Nun hält Tremetzbergers Roman allerdings einen "plot twist" bereit. Das eine oder andere Detail war schon länger verdächtig, aber bisher befanden wir uns, grob gesagt, in einer Geschichte über Entfremdung im Spätkapitalismus, erzählt in einem Ton, der exakt die Mitte aus müder Resignation und minimaler Genervtheit hielt.

Zwei sehr aktuelle Methoden des Verschwindens wurden gegeneinandergestellt: das Aufgehen in der Konformität (... "wir tragen alle dieselbe italienische Marke"...) und das Verschwinden im gesellschaftlichen Abseits ("Ich bin einfach über die Straße gegangen. Keiner bremste. Als wäre ich Luft ...").

Atmosphärische Dichte

So einfach ist die Sache aber nicht: Anfangs unmerklich, bald unübersehbar wird aus der erzählten Wirklichkeit eine surreale Bilderfolge. Schrittweise wird unsere Paranoia gefüttert, werden die Straßenzüge zu Kulissen, die Passanten und Taxifahrer zu Schauspielern oder Automaten. Allerspätestens beim Anblick der rätselhaften Requisiten und Personen, die sich in der Wohnung des Freundes finden (darunter ein totes Kaninchen, Lewis Carroll lässt grüßen), tut sich der subtile Schrecken des Romans auf.

Tatsächlich war er, wie man rückblickend merkt, von den ersten Kapiteln an ein gekonnt konstruiertes Spiegelkabinett, ein Albtraum, der die gesellschaftliche Misere in den Kopf des Helden projiziert. Der Rückzug dorthin war dementsprechend ein fataler Fehler.

Ein überzähliges Ausstattungsdetail hier und da (die eine oder andere Maske, den einen oder anderen Doppelgänger) könnte man vielleicht anmerken. Das trübt aber keineswegs die Freude an diesem Buch – an der bemerkenswerten atmosphärischen Dichte, mit der Otto Tremetzberger den Weg seines Helden vom Büroturm in den Kaninchenbau beschreibt, an der Kunstfertigkeit des Autors beim Verdächtigmachen der Wirklichkeit. (Bernhard Oberreither, Album, 16.5.2017)

Otto Tremetzberger, "Die Unsichtbaren". € 20,- / 192 Seiten. Limbus-Verlag, Innsbruck 2017