Foto: Anna Blau, Montage: Gerold

Biennale: Von Fäusten und Freudentränen

14. Mai 2017, 17:14

Erstmals in der Geschichte der Großausstellung gingen sowohl der Goldene Löwe für den besten Pavillon (Anne Imhof) als auch jener für den besten Künstler (Franz Erhard Walther) nach Deutschland

"Wir ballen die Faust für die Zukunft, für die Freiheit, gegen Genderkonformität!", rief Anne Imhof mit erhobener Faust ins Publikum, nachdem der von ihr in eine Art Kampfzwinger verwandelte deutsche Pavillon mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Sie stelle, begründete die Jury ihre Entscheidung, mit ihrer verstörenden, das Publikum in Angst versetzenden Installation namens Faust wichtige Fragen über unsere Zeit.

Einige stellten in der Rezeption den Bezug zu Goethes Faust her, interpretierten die Rottweiler im Käfig vor dem Pavillon als Pudel. Eher fühlt man sich allerdings an die neuere deutsche Kunstgeschichte erinnert, die sich an der (Nazi-)Vergangenheit und Gegenwart abarbeitet, denkt etwa an Joseph Beuys und seine Kojoten und Wölfe.

Buchstäblich doppelbödig

Es ist jedenfalls eine buchstäblich doppelbödige Arbeit. Imhof hat im Pavillon einen zweiten Boden aus Glas eingezogen, drunter und drüber singen und ringen ihre Akteure, stoßen an gläserne Decken, kämpfen gegen sichtbare und unsichtbare Grenzen. Die 39-jährige, aus Gießen gebürtige Künstlerin gehört nicht erst seit der Vergoldung des deutschen Pavillons zu den neuen Stars des Kunstbetriebs. Am Tag vor der Löwenverleihung wurde sie von einer Wodkamarke mit dem "Art Work" geehrt: 20.000 Euro Preisgeld sowie 100.000 Euro für die Realisierung einer Ausstellung. Im Vorjahr erhielt die Performancekünstlerin den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst, 2012 den Absolventenpreis der Städelschule.

Wurde Imhof schon im Vorfeld als Favoritin für den Goldenen Löwen gehandelt, war die Kür ihres 78-jährigen Landsmannes Franz Erhard Walther durchaus überraschend – vor allem für ihn selbst, wie er in seiner Dankesrede gerührt zugab. Der Konzeptkünstler nimmt 2017 erstmals an der Biennale teil, Kuratorin Christine Macel zeigt seine an riesige Schachteln erinnernden Arbeiten aus Holz und Filz im Arsenal. "Nutzen Sie meine Arbeit, steigen Sie hinein, dann werden Sie auch zu einem Kunstwerk", forderte er bei der Preisverleihung das Publikum auf.

Nachwuchskunst und Lebenswerk

Mit Freudentränen kämpfte die 43-jährige Künstlerin Cinthia Marcelle: Der von ihr in ein begehbares, multimediales Raumbild verwandelte brasilianische Pavillon wurde von der Jury mit einer "besonderen Erwähnung" geehrt. Schade, dass es für Pavillons keine Silbernen Löwen gibt, Marcelle hätte ihn sich mehr als verdient.

Einen Silbernen Löwen gibt es für den besten Nachwuchskünstler – diesmal ist es der 42-jährige, britisch-ägyptische bildende Künstler und Experimentalmusiker Hassan Khan. Besonders erwähnt wurden der 69-jährige US-Künstler Charles Atlas sowie der aus dem Kosovo gebürtige Petrit Halilaj (geb. 1986). Der Goldene Löwe fürs Lebenswerk ging, wie berichtet, an die große, 78-jährige Dame der Performance- und Aktionskunst Carolee Schneemann. (Andrea Schurian aus Venedig, 15.5.2017)