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Symphonische Landschaftsmalerei

15. Mai 2017, 15:12

Wiener Philharmoniker beim Musikfest im Konzerthaus, Münchner im Musikverein

Wien – Es begann mit bemerkenswerter Geste: Hausherr Matthias Naske begrüßte zum Start des Musikfests im Konzerthaus Reinhold Mitterlehner. Es gab Beifall, Mitterlehner verbeugte sich kurz, setzte sich, der Applaus aber dauerte an und dauerte an. Eine spontane Demonstration der Wertschätzung gegenüber dem scheidenden Politiker – mutmaßlich von balsamischer Wirkung. Balsam für Ohren und Seele boten danach die Philharmoniker: Mit Dirigent Daniel Barenboim spielten sie Smetanas Mein Vaterland. Am Sonntagabend nur die besonders wohltuenden Teile: Vysehrad, Aus Böhmens Hain und Flur sowie Die Moldau.

Die Grandezza des eröffnenden Harfensolos war ein ideales Vorspiel für das, was folgte: Klangpracht ohne Protz. Das Orchester erzählte von Momenten des Stolzes wie der Melancholie und beschäftigte sich mit abwechslungsreicher, sorgsamer Landschaftsmalerei.

Danach ein Klassiker: Die Notations von Pierre Boulez mit Barenboim als Experten; er hat die Notations I-IV 1980 uraufgeführt. Es war eine hochexpressive Stimmenvielfalt von orientalischer Überfülle, die Barenboim souverän koordinierte, und die Philharmoniker, sie schienen fast Spaß zu haben, sich in eine Art Klangforum Wien XXL zu verwandeln. Begeisterter Applaus, auch von Friedrich Cerha, während annähernd zeitgleich im Musikverein Valery Gergiev und seine Münchner Philharmoniker Ovationen einsammelten.

Gergiev vermittelte bei Ravels Le Tombeau de Couperin gleichermaßen diskrete Farbpracht wie auch jenes nötige Maß an bebender Intensität; später berückte bei Rimskij-Korsakows Scheherazade Ähnliches. Ein delikates Orchester schwelgte ohne Überzuckerung durch romantische Gärten. Dazwischen hatte der junge Cellist Andrei Ioni?a gute Nerven bewiesen. Bei Tschaikowskys Variationen über ein Rokoko-Thema für Cello und Orchester riss ihm eine Saite. Ioni?a absolvierte das süffig-virtuose Opus dann auf dem Instrument eines Münchner Kollegen mit vollem Phrasierungseinsatz und in Folge zusehends frei von ein paar (allzu verständlichen) herben Klangmomenten. Kompliment. (sten, tos, 15.5.2017)