Foto: Ali Arkady / VII

Biennale: Archaische Bilder aus den Krisenregionen

17. Mai 2017, 09:27

Kunst zwischen Krieg und Antike in den Pavillons von Syrien, dem Irak und Iran in Venedig

Everybody admires Palmyra's Greatness ist der harmlose Titel der Ausstellung, mit der Syrien auf der Biennale in Venedig auf Giudecca im Stadtteil Dorsoduro vertreten ist. Kurator Emad Kashout will der antiken Oasenstadt Tribut zollen. Doch zu sehen ist weniger die Pracht des Unesco-Weltkulturerbes Palmyra, sondern die Trauer über die Zerstörung durch die Terrororganisation "Islamischer Staat" seit 2015.

"Als bei uns 2011 der Krieg ausbrach, habe ich fünf Jahre nicht gearbeitet", erzählt Anas Al Raddawi, einer der hier präsentierten Künstler, "und als ich jetzt wieder begonnen habe, war meine Kunst eine andere". Raddawi zeigt drei großformatigen Collagen mit Schwarz-Weiß-Fotografien. Auf einer sind Kindersoldaten aus aller Welt zu sehen, auf einer anderen eben Bilder aus Palmyra. Es sind Fotos und Videostills aus dem Internet, die die Zerstörung der Stadt dokumentieren. Dazwischen tauchen Frauen auf, die für eine ganze geschändete Kultur um Hilfe schreien.

Reifenspuren verlaufen quer über die Bilder, Raddawi fuhr tatsächlich mit seinem Wagen darüber. Auf einigen Bildern ist Khaled Asaad, der bekannte Archäologe, der vom IS umgebracht wurde, zu erkennen. Für viele ist er ein Held, weil er sich weigerte, Terroristen zu zeigen, wo wertvolle Artefakte versteckt waren.

Stein, Glas, Ton und Francis Alÿs

Die Malerin Asma Alfyoumi aus Damaskus deutet die weinende Stadt Palmyra mit stilisierten Frauen an, deren Handhaltung typisch für viele der zerstörten Statuen ist. Über der Ausstellung, auch über den Fotografien von Abdullah Reda und Angelo Dozio, liegt eine stille Trauer.

Auch im Pavillon des Irak im Palazzo Cavalli-Franchetti bei der Accademia-Brücke geht man weit zurück in die Geschichte. Acht irakische Künstler und Fotografen sowie der Belgier Francis Alÿs zeigen hier Installationen, Filme und Fotografien neben 40 antiken Artefakten aus Stein, Glas und Ton, die teilweise bis zu 8000 Jahre alt sind: Alltagsgegenstände, Figurinen, medizinische Instrumente.

Die Kuratoren Tamara Chalabi und Paolo Colombo stellen mit dem Titel Archaic das antike Erbe, auch jenes der Schrift aus der babylonischen Zeit, der politisch und ökonomisch unsicheren Gegenwart des Landes gegenüber. Stimmig passiert das in der Bibliothek des Palazzos, wo in alten Schubladen und Regalen Zeitgeschichtevideos flimmern. Trotzdem wirken die Arbeiten, die jede für sich sehenswert ist, teilweise beliebig nebeneinandergestellt. Ein Höhepunkt ist dabei sicher die Arbeit von Francis Alÿs, ein Video, dass zeigt, wie er wie ein Gerichtsmaler vor Panzern und Flüchtlingslagern die Wasserfarben auspackte und malte. Zwischen Alÿs und der irakischen Ruya Foundation gibt es schon länger eine Kooperation.

Düsterer Herzschlag

Archaisch mutet auch die Installation Tapesh (Herzschlag) von Bizhan Bassiri für den Pavillon des Iran am Fondamente Nove an. Bassiri, geboren 1954 in Teheran und seit seiner Studienzeit in Italien, spielt mit Archetypen, die sich weltweit in Mythologien wiederfinden.

Bezüge zur aktuellen Politik drängen sich nicht auf. Die 32 mannshohen Figuren aus schwarzem Papiermaché sind – entlang eines metallenen Pfades mit Becken mit blutroter Flüssigkeit – in weißem Marmorsand in Zweierreihen aufgestellt. Sie sehen aus wie düstere Wächter oder Geister – nicht nur, weil der Palazzo Donà delle Rose über das Wasser direkt auf die Friedhofsinsel blickt. In ihrer Mitte liegen auf schwer einsehbaren hohen Pulten Bücher – dazwischen goldene Würfel in einer ölig roten Flüssigkeit: "Würfel des Schicksals", nennt sie Bassiri. "Gott würfelt nicht", hört man Einstein sagen. Der Künstler schon: zweimal die Sechs. (Colette M. Schmidt aus Venedig, 16.5.2017)