Foto: Cargo sous Terrain

Die unterirdische Zukunft des Warenstroms

18. Mai 2017, 09:00

In der Schweiz will man den Gütertransport unter die Erdoberfläche verbannen. Gelingen soll das mit dem Projekt "Cargo sous terrain"

Wien – Der Güterverkehr in der Schweiz wächst von Jahr zu Jahr: Prognosen gehen bis 2050 von einem Wachstum von 50 Prozent aus. Auf der Schiene, auf denen in den malerischen Tälern der Eidgenossenschaft der Platz schon knapp ist, wird sogar ein Wachstum von 77 Prozent vorhergesagt. Wohin mit all dem Mehr an Verkehr?, fragen sich nicht nur die Planer im Eidgenössischen Verkehrsministerium in Bern, sondern auch die Wirtschaft, speziell die Logistikbranche. Die Antwort: Der Transport soll unter die Erde.

Mit Unterstützung der Regierung tüftelt eine Projektgruppe seit 2011 still, aber hochprofessionell an Plänen für ein unterirdisches Güterverkehrsnetz in der Schweiz – "Cargo sous terrain", "Unter der Erde". Es ist ein Projekt, bei dem es um ein ausgeklügeltes Tunnelsystem von Zürich aus nach St. Gallen, Luzern, Thun, Genf, Bern, Basel geht, das wichtige Logistik- und Einkaufszentren unterirdisch über Schienen miteinander verbindet.

Internationales Aufsehen

Dabei werden bestehende Infrastrukturen in das System eingebunden, sodass kein zusätzlicher Landverbrauch notwendig ist, heißt es aus Bern. Das Prinzip ist dasselbe wie bei einem automatischen Fördersystem: In den Tunnels verkehren selbstfahrende, unbemannte Transportfahrzeuge, die an den dafür vorgesehenen Rampen automatisch Ladungen aufnehmen und abgeben können. Die Güter werden vorwiegend in festen Einheiten wie Paletten oder Gitterboxen mit einer Geschwindigkeit von 20 bis 30 km/h durch die Tunnel bewegt.

2014 wurde der Förderverein für das Projekt "Cargo sous terrain" aus der Taufe gehoben. Als Hauptinvestoren des ambitionierten Vorhabens stehen gewichtige Unternehmen wie Rhenus Logistics, Swisscom, Cargo Tube AG und die Interessengemeinschaft des Detailhandels Schweiz (u. a. Migros, Coop, Denner, Manor und Valora). Seit Mitte des Vorjahrs ist auch das kalifornische Unternehmen Hyperloop One als Investor bei diesem Förderverein eingestiegen, was den Verein freut, weil damit das Projekt international bekannt wird und ein strategischer Investor im Boot ist.

Die Regierung ist in diesem Verein durch das Bundesamt für Verkehr vertreten, erklärt Peter Sutterlüti, Präsident des Vereins. In den vergangenen zwei Jahren durchgeführte Vorstudien kamen zu einem positiven Ergebnis, was die Markt-und Wettbewerbsfähigkeit von "Cargo sous terrain" betrifft. So soll das Projekt nicht mit der bestehenden Logistikinfrastruktur in der Schweiz konkurrieren, sondern in den Gebieten eine neue, optimierte Infrastruktur zur Verfügung stellen, liest man in der Projektbeschreibung.

Kostengünstige Anbindung

Die Benutzer können ihre Frachtsendungen mit standardisierten Tunnelfahrzeugen selbstständig befördern oder diese Aufgabe an Logistikdienstleister übertragen, die mit einer Flotte von Fahrzeugen die Bedürfnisse mehrerer Benutzer abdecken können. Die Fahrzeuge in den Tunnels werden mit maximal drei Paletten oder Gitterboxen beladen. Die Be-und Entladung erfolgt in Terminals, die Gates enthalten und mit oberirdischen Logistikzentren verbunden sind.

In den Gates werden die eintreffenden Fahrzeuge auf ihre Konformität geprüft und im System angemeldet. Austretende Fahrzeuge werden vom System abgemeldet. Die Terminals enthalten Bereitstellungs- und Lagerflächen, aber auch Beschleunigungs- und Verzögerungsstrecken. Das Logistikzentrum stellt die kostengünstige und intelligente Anbindung des unterirdischen an das bestehende oberirdische Logistiksystem dar.

Das Hubkonzept definiert die Integration in die Hub-Intralogistik, das Be- und Entladekonzept des Fahrzeugs sowie die Steuerung der Fahrzeuge außerhalb der Gates. Die Fahrzeuge übernehmen die Gebinde oder lose Kolli mit minimalem Handling-Aufwand. Bei einem rein automatisierten Hub übernimmt das Fahrzeug die Paletten automatisch direkt vom Intralogistiksystem. Das Logistikzentrum könnte grundsätzlich auch nur die Austrittsstelle für die straßengängigen Fahrzeuge sein.

Gute Aussichten

Die Anbindung an bestehende Logistik-Systeme bildet den Schwerpunkt der Systementwicklung von "Cargo sous terrain". "Die Chancen auf die Realisierung dieses Projekts stehen aus heutiger Sicht sehr gut", ist Sutterlüti überzeugt und beruft sich auf die Machbarkeitsstudie von 2016. Ihr Fazit: Das Projekt ist technisch und ökonomisch machbar, kostet aber. Das erste Teilstück, ein Tunnel von Zürich nach Härkingen im Kanton Solothurn und Niederbipp im Kanton Bern, werde 3,5 Mrd. Franken (3,2 Mrd. Euro) kosten. Ab 2030 soll diese Strecke in Betrieb gehen.

Derzeit wird an einem Businessplan gearbeitet, der potenziellen Investoren das Projekt schmackhaft machen soll, denn: "Cargo sous terrain" soll rein privat ohne staatliche Zuschüsse finanziert und betrieben werden, was laut Machbarkeitsstudie auch realistisch sei. Dennoch bietet die Politik Hilfestellung, in dem das Projekt auf Bundesebene gehoben wurde und entsprechende gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen werden, um die Planungen kantonübergreifend effizient zu gestalten. (Markus Trostmann, 18.5.2017)