Foto: Juri Tscharyiski

"MS Pocahontas": Indianertochter ohne Disney-Glitzer

16. Mai 2017, 17:16

Christina Tscharyiski hat die Geschichte von der Indianerprinzessin am Theater in der Josefstadt inszeniert

Wien – Die Büchse der Pandora ist rot bemalt und so groß wie ein Schiffscontainer. Eine Leiter ist an die Containerwand gelehnt, und schon bald steigen Menschen auf ihr herauf. Eroberer, auf ihrem Weg nach Amerika, Europa oder Pandora – egal. Was sicher ist: Als die Menschenköpfe aus der Box herauslugen, nimmt das Unheil seinen Lauf.

Am Montag feierte MS Pocahontas im Theater in der Josefstadt Premiere. Mit Farbeimern bewaffnet versuchen sich darin Kolonialisten in der Schönmalerei. "Wir kommen in Frieden", wird formelhaft wiederholt. Als das Schiff anlegt, erspäht der Kapitän ein schönes Indianermädchen, eigentlich noch ein Kind, das er Pocahontas nennt. Spätestens ab hier hat die Geschichte, wie sie Gerhild Steinbuch erzählt, nichts mehr mit einem romantischen Kindermärchen zu tun: Der Kapitän vergewaltigt das Kind und entführt es.

Boote steuern auf Europa zu

Der Disneyfilm über Pocahontas basiert auf einer historischen Figur. Die Indianerprinzessin aus dem 17. Jahrhundert vermittelte zwischen ihrem Volk und den Briten. Diese lockten Pocahontas auf ihr Schiff und verschleppten sie. In MS Pocahontas wird nichts schöngeredet, allerdings versuchen die Protagonisten vehement, ihre Taten zu verharmlosen.

In oft derber Sprache wird die Frage nach Unterwerfung, Anpassung und Schuld gestellt. Chorisches Sprechen und Textwiederholungen ziehen sich durch das Stück. Eindringlich setzen sich so die Worte fest. Und ehe man sich versieht, ist auch schon der Bogen vom 17. Jahrhundert zum Heute gespannt: Boote steuern auf die Küste der Kolonialisten zu.

Die Fassade bröckelt langsam, die Protagonisten kommen mit ihren rassistischen Ansichten in Erklärungsnot. "Eigentlich müssten wir uns niederbrennen, damit was Neues entsteht", erkennt dann eine von ihnen resigniert. Man erahnt einen Vorwurf in den Augen der Darsteller, als sie ins Publikum blicken, und im nächsten Moment ist das Spotlight schon auf die Zuschauer gerichtet. Erschrockenes Blinzeln, dann Dunkelheit und schließlich großer Applaus. (Eva Walisch, 16.5.2017)