Foto: AP / Rebecca Blackwell

Journalisten in Mexiko: Mehr Todesurteil als Beruf

18. Mai 2017, 14:00

Nur in Kriegsgebieten wie Afghanistan und Syrien werden mehr Journalisten ermordet als in Mexiko

Es war 19 Uhr, als die Mörder das Feuer auf das Auto eröffneten, in dem Jonathan Rodríguez und seine Mutter Sonia Córdova am Montag unterwegs waren. Der 26-jährige Reporter aus dem zentralmexikanischen Bundesstaat Jalisco starb sofort, seine Mutter, stellvertretende Chefredakteurin der Zeitung El Costeño de Autlán, wurde schwer verletzt. Mehrfach hatte Rodríguez Morddrohungen erhalten, zweimal war er schon entführt worden.

Sieben Stunden zuvor starb Javier Valdez im nordmexikanischen Culiacán. Schlag Mittag, vor dem Redaktionsgebäude der Zeitschrift Riodoce, wo der 50-Jährige arbeitete und auf Drogenkriminalität spezialisiert war. Zwei Journalistenmorde an einem Tag, sieben seit Anfang des Jahres, 18 in den vergangenen beiden Jahren. Nur in Kriegsgebieten wie Afghanistan und Syrien werden mehr Journalisten ermordet als in Mexiko, so die Organisation Reporter ohne Grenzen. "Journalist in Mexiko ist eher ein Todesurteil denn ein Beruf", sagt die Vertreterin von Amnesty International in Mexiko, Tania Reneaum.

Internationaler Druck

Besonders der Tod von Valdez, der auch für die Nachrichtenagentur AFP gearbeitet und zahlreiche Preise gewonnen hatte, löste einen Aufschrei aus. Die Nationale Menschenrechtskommission, die EU und Journalistenorganisationen forderten die Behörden auf, den Fall zügig aufzuklären. Der internationale Druck nötigte Präsident Enrique Peña, der das Thema sonst unter den Teppich kehrt, gleich drei Twitter-Antworten ab. In ihnen verurteilte er die Tat, forderte die auf Journalistenmorde spezialisierte Staatsanwaltschaft (Feadle) zum Eingreifen auf und bekannte sich zur Pressefreiheit.

Der örtliche Staatsanwalt Juan José Ríos sagte in einem TV-Interview, er verfolge zwei Hypothesen: zum einen, dass der Mord mit Valdez' journalistischer Arbeit in Zusammenhang stehe, und eine zweite, wonach man ihm sein Auto stehlen wollte.

Drogenhandel als Vorwand

Für die Kollegen von Riodoce ist das Hohn: "Sie taten so, als wollten sie Valdez' Auto stehlen, aber zwölf zielgerichtete Schüsse aus zwei Waffen lassen keinen Zweifel, dass er das Ziel war", stand im Leitkommentar am Dienstag.

Schon bei der Ermordung der Journalistin Regina Martínez im Jahr 2012 in Veracruz hatten die Ermittler verbreitet, sie habe sich mit Drogenabhängigen eingelassen und sei im Streit ermordet worden. Ähnlich war die Hypothese bei der Ermordung des Fotojournalisten Rubén Espinosa 2015 in Mexiko-Stadt, der zusammen mit vier Bekannten in deren Wohnung ermordet wurde – angeblich, weil eine der Anwesenden mit Drogen dealte und dem Kartell Geld schuldete. Espinosa war zuvor nach Morddrohungen aus Veracruz in die Hauptstadt geflohen.

"In Culiacán Journalismus zu machen ist ein Balanceakt auf einer dünnen, unsichtbaren Linie, die von denjenigen definiert wird, die im Drogengeschäft sind oder die Kartelle politisch schützen", sagte Javier Valdez, als er 2011 den Preis der Pressefreiheit des Komitees zum Schutz der Journalisten (CPJ) erhielt. "Als Journalist steht man auf einer schwarzen Liste. Und wenn sie den Daumen senken, bringen sie dich um", fügte er hinzu. Riodoce, deren Mitbegründer er war, gilt als eine der mutigsten Zeitungen in Nordmexiko, wo Kartelle ein Schweigegesetz verhängt haben und sogar Blogger und Twitter-Aktivisten ermorden, die sich darüber hinwegsetzen.

Abhängig von Regierungsgeld

Praktisch keiner der Journalistenmorde werde aufgeklärt und geahndet, bedauert CPJ in einem kürzlich veröffentlichten Bericht. "Journalisten sind gefangen im Netz aus korrupten Regierungsfunktionären und ihren Alliierten im organisierten Verbrechen", schreibt die Chefredakteurin des Magazins Zeta, Adela Navarro, im Vorwort. Hinzu kommt die prekäre Bezahlung der Journalisten, vor allem in den Provinzen. Viele Medien dort sind abhängig von Regierungsanzeigen. "Politiker glauben, Journalisten hätten ihnen zu dienen", so Javier Garza, stellvertretender Chefredakteur der Zeitung El Siglo de Torreón.

Für die Täter geht die Rechnung meistens auf. Einige Tage nachdem im März die Journalistin Miroslava Breach vor ihrem Haus erschossen worden war, machte ihre Zeitung El Norte dicht. Es gebe keine Garantien für unabhängigen Journalismus mehr, hieß es im Abschiedsbrief an die Leser. Auf der Internetseite nortedigital.mx zählen die Kollegen nun die Tage, die seit dem ungeahndeten Mord verstrichen sind. (Sandra Weiss aus Puebla, 18.5.2017)