Foto: Robert Newald

Geschäftesterben: "Welcher Junge tut sich das heute noch an?"

18. Mai 2017, 14:00

Die Wiener Tuchlauben verliert ihren letzten Händler feiner Stoffe. Höfer und Kemeny sperrt nach fast 140 Jahren zu

Wien – Dariusz Höfer hat ein Jahr mit sich gerungen. Schwere Operationen nehmen ihm nun die Entscheidung ab. Über drei Jahrzehnte führte er ein Stoffgeschäft auf dem Wiener Petersplatz. Aber bei aller Liebe zu feiner Seide und Batist, krank zwischen all den Ballen umfallen wolle er doch nicht. "Ein bisserl was möchte ich schon noch vom Leben draußen haben." Ende Juni sperrt er daher seinen seit 137 Jahren bestehenden Betrieb zu.

Höfer ist in der Tuchlauben der Letzte seiner Zunft. Weit mehr als 20 Stoff- und Tuchhändler tummelten sich bis in die 80er-Jahre hinein in dem ehemaligen Textilviertel. Darunter waren klingende Namen wie Silesia, Porges, Szenkovitz, Albrecht, Küchler und Gälner. Silesia wich einer Lebensmittelkette, Szenkovitz einer Bank.

Verlust der Vielfalt

Auch von den anderen kleinen Betrieben rundum auf dem Petersplatz ist keiner geblieben. "Gleich dort ums Eck war ein Handschuhmacher, und da hinten ein Samenhändler", erzählt Höfer und lehnt sich an die Fassade seines Ladens. "Daneben gab es den Knopfkönig, hier einen Bäcker, dort einen Fleischer, der für seinen Leberkäs berühmt war. Und erinnern Sie sich an den Winkelbauer, Wiens besten Obst- und Gemüsehändler?"

Sei es, dass die Nachfolger fehlten, die Kunden ausgingen oder Ablösen in mitunter zweistelliger Millionenhöhe zu verlockend waren: Von der bunten Mischung an Nahversorgern im Schatten der Peterskirche ist bis auf ein ehrwürdiges Beisl nichts mehr zu sehen.

Stoffhändler Höfer und Kemeny beschäftigte zu den besten Zeiten fünf Angestellte und zwei Chauffeure, die mit noblen Stoffen zwischen Salons und Hotels verkehrten. Elegante Damen in Begleitung ihrer Schneider kleideten sich bei Höfer zwei Mal im Jahr völlig neu ein. Stets nach Maß versteht sich. "Ich weiß, was in ihren Kleiderschränken liegt – was sie vor 25 Jahren bei mir ausgesucht haben." Staatsoper, Burgtheater, Salzburger Festspiele und Wiener Festwochen waren ebenso treue Kunden.

Frau Christa, gute Seele des Unternehmens, die vor ihrer Pension ihr ganzes Leben dem Stoffhandel gewidmet hatte, legte dem japanischen Kaiserpaar und arabischen Prinzessinnen seltene Ballen vor. Auch Österreichs Prominenz aus Theater, Politik und Adel ging bei Höfer und Kemeny ein und aus. "Ach, ein Buch könnt' ich schreiben über das, was wir hier alles erlebt haben", sinniert sie – und ergänzt mit Blick auf Höfer: "Sie waren ein guter Chef. Ich habe derer in meinem Leben ja drei erlebt."

Der letzte Abendmantel

Dieser kann sich Wehmut angesichts der letzten noch verbleibenden Arbeitstage nicht erwehren. Ihm fehle halt der Nachfolger, sagt Höfer. Er selbst habe nicht selten bis zu 80 Stunden die Woche fürs Geschäft aufgebracht und über all die Jahre 15 Lehrlinge ausgebildet. Natürlich gehe der Umsatz kontinuierlich zurück. Doch um wirtschaftlich zu überleben, reiche es allemal. "Nur wer von den Jungen tut sich das alles heute noch an?" Drei Opernballkleider verkaufte er in dieser Saison. "Früher waren es drei am Tag." Zehn Jahre sei es her, dass er seinen letzten Abendmantel nach Maß lieferte. Theater und Oper orderten nur noch Stoffe für echte große Namen, wie eine Gruberová. "Für alle anderen gibt es dafür kein Budget mehr. Das ist die falsche Kulturpolitik."

Die russische Kundschaft spare ebenso wie die arabische. Wo er auch hinsehe, gehe Eleganz verloren, seufzt Höfer – und mit ihr das Wissen um exquisite Stoffe. "Was haben Sie denn Schönes für mich?", sei er früher gleich eingangs gern gefragt worden. Heute gelte das Interesse einzig allein dem niedrigen Preis. Beraten lasse sich kaum einer mehr. "Die Leute kommen mit ihren fixen Ideen."

Jungdesigner statt Handwerker

Woran es zudem fehlt, seien die guten Schneider der Haute Couture. Nach ihrer Ausbildung würden sich nämlich alle gerne als Jungdesigner definieren, nicht als Handwerker. "Sie absolvieren die Meisterprüfung, wissen zugleich aber nicht, wie viel Quadratmeter Stoff sie für ihr Kleid brauchen."

Stark verändert hat sich für Höfer und Kemeny auch der Einkauf. Gut 6000 verschiedene Stoffe bot der kleine Betrieb zu Spitzenzeiten an. Seide erwarb Höfer in Italien, Batist in der Schweiz. Wollstoffe kamen aus Italien, England und Deutschland. Stickereien und Spitzen lieferte Frankreich.

"Made in Europa" made in China

Chinas Billigfabriken rissen die Produktion fast zur Gänze an sich. Von seinen ehemals zehn Schweizer Lieferanten etwa seien ihm gerade einmal zwei geblieben, sagt Höfer. Dem Markerl "Made in Europe" schenkt er nach Reisen nach Schanghai keinen Glauben mehr: Ware, die er dort in der Fertigung gesehen habe, sei zu 80 Prozent als europäische vertrieben worden.

Wer nach ihm in das kleine Eckgeschäft in Wiens Innenstadt einzieht, ist offen. 2700 Euro hat er an monatlicher Miete bezahlt, was er für durchaus finanzierbar hält. Sein Nachfolger wird dafür wohl ein Vielfaches begleichen müssen. Manch Standort rundum verlangt mehr als 30.000 Euro im Monat ab. Unbeirrt und unverrückbar hält künftig nur noch ein Relikt der Tuchhändler des Grätzels die Stellung: eine Bronzefigur am Tuchmacherbrunnen. (Verena Kainrath, 18.5.2017)