Foto: Luftbildarchiv/Uni Wien
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3.500 Jahre Mensch-Umwelt-Beziehung: Neue Forschungen rund um Hallstatt

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18. Mai 2017, 08:00

Das Projekt Facealps beschäftigt sich mit der Frage ob und wie natürliche Extremereignisse die Menschen in der Region beeinflussten

Bewilligt! Da ist sie nun, die langersehnte Nachricht – unser Projektantrag wurde für gut befunden. Das Projekt ist bewilligt! Durchatmen, Jubelschrei, E-Mails an alle Partnerinnen und Partner. Die Österreichische Akademie der Wissenschaften fördert über die nächsten drei Jahre unser Forschungsvorhaben – das interdisziplinäre Projekt Facealps.

Worum geht es in Facealps? Wir erforschen 3.500 Jahre Mensch-Umwelt-Beziehung rund um das Hallstätter Hochtal und den Hallstätter See. Auf dem Wasser, am Seeboden, im Hochtal und um den See werden Forscherinnen und Forscher Untersuchungen zu diesem vielschichtigen Themenfeld anstellen. Das Projekt ist am Naturhistorischen Museum Wien angesiedelt und hat Forschungspartner in Österreich, Deutschland und der Schweiz. Über die vergangenen Jahre haben wir zahlreiche Voruntersuchungen geleistet und ein tragfähiges Forschungsnetzwerk aufgebaut. Wir sind bestens vorbereitet und können nun zielgerichtet in die Tiefe gehen.

Ideale Bedingungen

Die Landschaft rund um den Hallstätter See bietet erstklassige Bedingungen für die Erforschung der Mensch-Umwelt-Beziehung. Das hat mehrere Gründe: Die Unesco-Welterbe-Region zählt zu den ältesten Kultur- und Industrielandschaften der Welt. Untertägiger Salzbergbau ist hier seit dem 15. Jh. v. Chr. nachgewiesen. Seit Jahrtausenden leben und wirtschaften Menschen in diesem Raum. Die Informationslage im Hinblick auf die Aktivitäten der Menschen in prähistorischer und historischer Zeit ist sehr gut. Die archäologische Fundlandschaft im Hochtal zeichnet sich durch ihre einzigartigen Erhaltungsbedingungen und die hohe Dichte an Fundstellen aus. Auch der jüngere Bergbau, vor allem jener der frühen Neuzeit, ist durch zahlreiche historische Aufzeichnungen gut bekannt. Schließlich gibt es hier verschiedene Typen von Umweltarchiven in unterschiedlichen Naturräumen.

Was wollen wir wissen?

Der Schwerpunkt des Projekts liegt auf der Frage, ob und wie natürliche Extremereignisse die Menschen in der Region beeinflussten. Dabei befassen wir uns im Besonderen mit Murenabgängen und extremen Niederschlagsereignissen. Im Konkreten geht es darum zu erfassen, ob derartige Ereignisse einen Einfluss auf die Bewirtschaftung der Landschaft, auf die Auswahl von Siedlungsflächen und die menschliche Landnutzung im Allgemeinen hatten. Für prähistorische Zeit wissen wir beispielsweise, dass große Massenbewegungen den Bergbau stark beeinträchtigten. Doch die weiteren Auswirkungen und der genaue Ablauf dieser Ereignisse sind bislang unbekannt.

Was ist zu tun?

Wir werden zunächst damit beschäftigt sein, die bereits bekannten Extremereignisse genauer zu erfassen, ein Inventar natürlicher Extremereignisse zu erstellen und den menschlichen Eingriff in die Umwelt sowie die Flächennutzung zu charakterisieren. Unser Betrachtungszeitraum sind die letzten 3.500 Jahre. Nach der Erhebung dieser Daten ist abzuklären, ob bestimmte Ereignisse oder Entwicklungen in einen kausalen Zusammenhang gebracht werden können. Und das ist wohl die größte Herausforderung in unserem Vorhaben.

Viel Arbeit im Gelände

Was werden wir also in den nächsten Monaten tun? Es stehen zahlreiche Geländearbeiten zur Beprobung von Sedimentarchiven und zur Messung wichtiger Umweltdaten an. So ist zum Beispiel die Entnahme von kurzen Sedimentbohrkernen im Hallstätter See geplant. Diese Proben sollen ergänzende Daten zu den Forschungserkenntnissen an den langen Bohrkernen aus dem Tiefwasserbereich des Sees erbringen (siehe dazu auch den Blogbeitrag von Stefan Lauterbach). Eine bathymetrische Vermessung des Seebodens ist für den Herbst geplant. Ein hochauflösendes Reliefmodell des Seebodens soll Erkenntnisse über Massenbewegungen und im Idealfall über historische Erdbeben erbringen.

Eine Aufnahme der Pflanzenwelt vom Hallstätter See bis zum Plassengipfel wird uns einen Überblick über die botanischen Rahmenbedingungen verschaffen. Diese Daten sind eine wichtige Ergänzung für die palynologischen Auswertungen von Bohrkernen aus See und Moor.

Im Hallstätter Hochtal sind geoelektrische Untersuchungen an den großen prähistorischen Massenbewegungen geplant. Diese sollen Aufschluss über das Ausmaß der Rutschmasse vermitteln. Landschaftsarchäologische Arbeiten umfassen dann die exakte Einmessung von Fundstellen, die Digtalisierung und Referenzierung von historischem Kartenmaterial. Die Erhebung und Aufbereitung dieser Daten bildet die Grundlage für den Aufbau eines historischen Geografischen Informationssystems (GIS), mit dem die Flächennutzung über die letzten 3.500 Jahre nachvollzogen werden kann.

Doch bevor wir überhaupt mit den Feldarbeiten beginnen können, müssen Genehmigungen zur Entnahme von Sedimentproben, dem botanischen Sammeln von Pflanzen oder der Begehung von archäologischen Fundstellen eingeholt werden.

Was kommt dann?

Nach dem Abschluss der Geländearbeiten heißt es, ab ins Labor oder zurück ins Büro und an den Rechner. Bohrkerne müssen dokumentiert werden, Sedimente geochemisch charakterisiert, Blütenstaub muss identifiziert, die aktuelle Pflanzenwelt beschrieben werden, historische Karten werden georeferenziert und vieles mehr.

Wer sind die Facealplerinnen und Facealpler?

Forscherinnen und Forscher aus Archäologie, Biologie und Geologie sind an Facealps beteiligt. Die palynologischen Analysen (Untersuchungen des Blütenstaubs) an den Sedimentkernen aus See und Mooren werden von Ruth Drescher-Schneider (Universität Innsbruck) und Daniela Festi (Österreichische Akademie der Wissenschaften) durchgeführt. Mit den bathymetrischen und limnogeologischen Untersuchungen auf dem Hallstätter See befassen sich Flavio Anselmetti (Universität Bern), Michael Strasser und Stefan Lauterbach (beide Universität Innsbruck). Die geowissenschaftlichen Untersuchungen der Sedimentbohrkerne laufen bereits unter der Leitung von Stefan Lauterbach in einem Partnerprojekt.

Für die geoelektrischen Untersuchungen im Hallstätter Hochtal sind David Ottowitz und Alexander Römer von der Geologischen Bundesanstalt zuständig. Die dendrochronologischen Untersuchungen der Hölzer aus der Massenbewegung führt Michael Grabner durch (Universität für Bodenkultur). Heimo Rainer und Johannes Walter vom Naturhistorischen Museum Wien übernehmen den botanischen Survey. Die landschaftsarchäologischen Untersuchungen werden von Anke Bacher, Julia Klammer und Thomas Ragger (Naturhistorisches Museum Wien) durchgeführt. Als Kooperationspartner unterstützen uns von archäologischer Seite Anton Kern (Naturhistorisches Museum Wien), von limnogeologischer Seite Achim Brauer (Deutsche Geoforschungszentrum) und von palynologischer Seite Klaus Öggl (Universität Innsbruck). Neben der wissenschaftlichen Zusammenarbeit sind auch Kooperationen mit den Institutionen und Privatpersonen vor Ort von großer Bedeutung für das Gelingen des Projekts. Im Besonderen die Gemeinde Hallstatt, die Österreichischen Bundesforste, der Reinhaltungsverband Hallstättersee, die Salinen Austria AG und die Salzwelten sowie die Freiwillige Feuerwehr Hallstatt und der Musealverein Hallstatt tragen wesentlich zu diesem Projekt bei. Mehr über das Projekt findet sich auf der Facealps-Website. (Kerstin Kowarik, Hans Reschreiter, 18.5.2017)

Kerstin Kowarik ist prähistorische Archäologin, arbeitet als Postdoc im Beyond-Lake-Villages-Projekt am Institut für Urgeschichte und Historische Archäologie der Universität Wien und ist auf landschafts- und umweltarchäologische Fragestellungen spezialisiert.

Hans Reschreiter ist Archäologe und arbeitet in der Prähistorischen Abteilung des Naturhistorischen Museums Wien. Er leitet die archäologischen Ausgrabungen im Salzbergwerk von Hallstatt. Seine Forschungsschwerpunkte sind prähistorische Salzproduktion, prähistorisches Handwerk, experimentelle Archäologie und Ethnoarchäologie.

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