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Kleiner Gourmet: Wenn Kinder der große Hunger packt

Kolumne |
21. Mai 2017, 17:00

Sollen Kinder essen, so viel sie wollen – solange es gesund ist? Und was tun, wenn andere das Essverhalten des Kindes kritisieren?

Frage

Ich schreibe Ihnen wegen einer Frage, die vielleicht etwas merkwürdig ist. Trotzdem beschäftigt sie mich: Wie viel Essen ist wirklich genug?

Es geht um unseren zehnjährigen Sohn. Grundsätzlich ernähren wir uns zu Hause sehr gesund und ausgewogen. Ich war immer der Meinung, dass Kinder so viel essen sollen, wie sie möchten, solange es gesundes Essen ist. Mir fällt allerdings zusehends auf, dass mein Sohn mittlerweile mehr isst als mancher Erwachsener. Obwohl er so viel isst und eigentlich immer hungrig ist, hat er kein Übergewicht.

Trotzdem mache ich mir Sorgen, dass er vielleicht mit dem vielen Essen ein emotionales Bedürfnis stillt. Ich werde auch bereits von anderen auf sein Essverhalten hingewiesen. Doch ich sehe keine Anzeichen, dass es ihm an etwas fehlt. Er ist gut in der Schule, hat Freunde, und auch zu Hause haben wir eine gute Atmosphäre.

Ich möchte aber vermeiden, dass plötzlich andere über ihn zu reden beginnen und er deshalb Probleme bekommt.

Schon lange denke ich über dieses Thema nach und könnte einen guten Rat gebrauchen, wie ich in Zukunft mit der Situation umgehen kann.

Antwort

Ihr Sohn liebt es zu essen. Er ist offensichtlich gesund und ernährt sich auch gesund. Wenn ich Sie wäre, würde ich mir keine Sorgen machen!

Es mag sein, dass sich sein Magen an die größeren Mengen gewöhnt hat und sich ein Gefühl von "satt" erst später einstellt als bei anderen. Dennoch wird er in der Lage sein, dies zu korrigieren, sollte es wirklich zu einem gesundheitlichen Problem werden.

Es braucht lediglich zwei Wochen, um sich wieder mit kleineren Portionen zufriedenzugeben. So wie Sie es beschreiben, scheint er mit seinem Essverhalten nicht in unser Bild von einem durchschnittlichen Kind zu passen. Allerdings werden die "Begrenzungen", was nun normal ist oder nicht, immer enger. Sowohl Pädagoginnen und Pädagogen als auch Expertinnen und Experten versuchen vermehrt Probleme oder Fehler als Phänomene zu interpretieren, die möglicherweise gar keine sind. Was sie dabei nämlich manchmal vergessen, ist, dass die Welt, das Leben, wir Menschen und natürlich auch Kinder einfach unterschiedlich sind. Ein Gewichtsverlust allein wird also nicht dazu führen, dass Kinder nicht mehr gemobbt werden.

Es liegt in der Natur von uns Eltern, dass wir unsere Kinder vor Kritik anderer Kinder oder auch Erwachsener schützen möchten. Nur, wenn der Preis dafür jener ist, sich den Idealen der Zeit anzupassen, so finde ich, dass dieser zu hoch ist. Viel zu hoch! Es ist viel wichtiger, Kinder in ihrem Selbstgefühl und Selbstbild zu stärken und damit auch ihr psychosoziales Immunsystem zu festigen. Lassen Sie andere sagen, was sie denken, und sprechen Sie mit Ihrem Sohn. Aber nur, um herauszufinden, was er denkt! Er wird natürlich traurig sein, aber er wird es mit einer feinen Art und Weise mit Sicherheit überleben. Es ist diese Überschneidung von positiven und negativen Rückmeldungen, in der wir uns als Mensch wiederfinden, und nicht die Fähigkeit, uns an den kleinsten gemeinsamen Nenner anzupassen. (Jesper Juul, 21.5.2017)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und Europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen über Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne erscheint am 4. Juni 2017.