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Ölands Pools bleiben leer

6. Juni 2017, 09:00

In Schweden droht der schlimmste Wassermangel seit 100 Jahren. Im Süden hat es um ein Drittel weniger geregnet als im Durchschnitt. Die beiden Ostseeinseln Gotland und Öland sind besonders stark betroffen. Die geologische Landesanstalt wertet das als Warnsignal

"Wir bitten alle, möglichst viel Wasser zu sparen." Mit diesem außergewöhnlichen Appell richteten sich kürzlich neun staatliche Behörden, darunter die Ämter für Landwirtschaft und für Katastrophenschutz, an die schwedische Öffentlichkeit. Es drohe, so hieß es, "der schlimmste Wassermangel seit 100 Jahren".

Betroffen von der akuten Krise sind vor allem der Süden und der Südosten Schwedens. Dort liegt der Grundwasserpegel weit unter dem Normalen. Besonders ernst ist die Lage auf den beiden Ostseeinseln Gotland und Öland.

Vor Åke Brulins Haus im öländischen Dorf Glömminge ist der Rasen braun, der Boden staubtrocken. Seit seiner Kindheit kommt der 59-Jährige aus Stockholm regelmäßig auf die Insel. Er ist einer der vielen Gäste, die die Bevölkerungszahl Ölands von 25.000 im Winter auf 250.000 in den Sommermonaten anschwellen lassen. "Natürlich machen wir uns Sorgen und gehen sparsam mit dem Wasser um", sagt er. Brulins Trinkwasser kommt aus einem eigenen Brunnen. Bislang hat er die Familie zuverlässig versorgt. "Doch wir wissen, dass das Wasser verschwinden kann."

Das tat es andernorts bereits im vergangenen Sommer. Viele Brunnen auf Öland versiegten. Eilends baute man eine Notwasserleitung vom Festland auf die Insel, Tanklaster transportierten im Shuttleverkehr Wasser über die sechs Kilometer lange Brücke von Kalmar nach Öland.

Wasser wird rationiert

Dieses Jahr kommt es nun noch schlimmer, und das nicht nur auf den Ostseeinseln. Bereits jetzt haben mehrere Gemeinden in Südschweden das Wasser rationiert. So dürfen zum Beispiel die Einwohner von Örebro, Halmstad und Hultsfred nicht mehr den Rasen bewässern, das Auto waschen oder den Pool befüllen.

Mit diesen Einschränkungen können die meisten leben, doch schwieriger ist die Situation für die Landwirte. Stefan Andersson ist Bauer im småländischen Moshult, 110 Milchkühe hat er. "Noch vor zwei Jahren hätte ich gesagt, dass unser einziger Vorteil hier in Schweden die Verfügbarkeit von Wasser ist", so Andersson in einem Gespräch mit dem schwedischen Bauernverband. "Jetzt sehe ich das anders."

Was also ist passiert? In den letzten beiden Jahren hat es im Süden Schwedens rund 30 Prozent weniger Niederschlag gegeben als im Durchschnitt. Vor allem in der kalten Jahreszeit blieben Schnee und Regen aus. Doch genau in dieser Zeit bildet sich Grundwasser, wie Bo Thunholm, Wasserexperte bei der schwedischen geologischen Landesanstalt, im schwedischen Rundfunk erklärt. Im Sommer verdunste der Regen oder werde von Pflanzen aufgesogen.

Eher Warnung vor zu viel Regen

Noch ist Thunholm vorsichtig damit, dem Klimawandel die Schuld an der Trockenheit zu geben. "Es ist aber auch nicht auszuschließen", sagt er. "Wir können das, was wir jetzt erleben, jedoch auf alle Fälle als Warnsignal deuten." Eigentlich warnt das schwedische meteorologische und hydrologische Institut in seinen Zukunftsszenarien eher vor mehr Niederschlag und Überschwemmungen.

Doch mehr Regen muss nicht notwendigerweise zu mehr Grundwasser führen. Dies gilt vor allem für den landwirtschaftsintensiven Süden des Landes. "Mehrere Hundert Jahre haben wir uns darauf konzentriert, das Wasser wegzubekommen", so Umweltministerin Karolina Skoog von den Grünen in einem Interview. "Jetzt müssen wir versuchen, den Wasserabfluss zu verzögern."

Auf Öland haben die Bauern schon reagiert. Åke Brulin kann das von seinem Sommerhaus aus beobachten: "Direkt hier neben uns bauen die Landwirte Dämme. Früher ist das Regenwasser direkt ins Meer geflossen." Im Norden der Insel errichtete man zudem im Eiltempo eine Meerwasserentsalzungsanlage. Ende Juni eröffnet König Carl XVI. Gustaf das Werk, er pflegt seine Sommer im Schloss Solliden auf Öland zu verbringen.

Kein effektives Wasserleitungssystem

Rund 140 Liter Trinkwasser verbraucht ein Schwede pro Tag. Das sind zwar schon 75 Liter weniger als noch vor zwanzig Jahren, doch nach Meinung vieler noch immer zu viel. Das eigentliche Problem in Schweden, so Roland Barthel, Grundwasserforscher an der Göteborger Universität, sei jedoch die Verteilung. In dem dünn besiedelten Land gebe es kein effektives Wasserleitungssystem.

Jeder zehnte der zehn Millionen Schweden bekommt sein Trinkwasser aus dem eigenen Brunnen. Auch die kommunalen Wasserbetriebe holen nur die Hälfte ihres Rohstoffs aus Seen und Gewässern. "Wir haben zu wenig investiert", gesteht Skoog. "Der Fokus war immer darauf, den Wasserpreis so niedrig wie möglich zu halten." Das rächt sich: In den nächsten zwei Jahrzehnten, so prophezeit der Branchenverband Svenskt Vatten, werden sich die Wasserpreise wohl verdoppeln. (Karin Häggmark aus Stockholm, 6.6.2017)