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"Vivaldi": Von wilden Virtuosen und dünnen Suppen

5. Juni 2017, 16:10

Uraufführung von Christian Kolonovits‘ Oper – Untertitel: "Die fünfte Jahreszeit" – an der Wiener Volksoper

Wien – Eine Mädchen-Rockband sucht in Wien nach dem unbekannten letzten Werk ihres Idols Antonio Vivaldi. Sie grooven seinen Namen, doch der Kinder- und Jugendchor der Volksoper mag sich noch so engagiert ins Zeug legen: Von Beginn an liegt bei der Uraufführung von Vivaldi – Die fünfte Jahreszeit die Ahnung in der Luft, dass da auf allen Ebenen ein dünnes Süppchen köchelt: Die nicht ganz abwegige Grundidee – Rockmusik als Erbin des Barock – hätte vielleicht noch tragfähig sein können, da die Popularmusik des 20. Jahrhunderts tatsächlich harmonisch, figurativ, strukturell und mit Bekenntnissen zur Sinnlichkeit auf das frühe 18. Jahrhundert zurückgriff.

Christian Kolonovits fiel für sein etwas hochtrabend als "BaRock-Oper" untertiteltes Stück dazu vor allem ein, eine Handvoll Originalpassagen Vivaldis (ja, aus den Vier Jahreszeiten) zu verwursten und ein paar quasi-barocke Violinfigurationen einzustreuen. Das ergibt statt Einheit ein beziehungsloses Nebeneinander. Die Musik ist zwar flott und gekonnt arrangiert, doch die netten Melodien, die Ohrwürmer von geringer Halbwertszeit abgeben, werden dann doch öfter wiederholt, als es ihre Qualität rechtfertigt.

Wenig Entwicklung

Ausgehend von der Rahmenhandlung wird in einer Rückblende das Leben Vivaldis geschildert, das dieser einer höchst überdrehten Figur (Boris Pfeifer als Carlo Goldoni) in die Feder erzählt. Überdreht – das Wort passt auch auf die von Drew Sarich verkörperte, schrill-rothaarige Titelgestalt, die als trauriger alter Mann auftaucht, sich in ihre Jugend als wilder Virtuose und Frauenheld zurückbegibt und ihr ganzes Leben vorführt. Dass es da (mit Ausnahme eines Gehstocks) darstellerisch und inszenatorisch keinerlei Figurentwicklung gibt: geschenkt.

Aber die Melancholie und Tragik der vorgeführten Biografie wird in der Regie von Robert Meyer meist hinweggeblödelt und von der Ausstattungsbuntheit von Christof Cremer erschlagen. Der Librettotext von Angelika Messner (die Songtexte entstanden gemeinsam mit dem Komponisten, der das Volksopern-Orchester unfallfrei und effektvoll dirigierte) tut sein Übriges: Den plattesten Reim des Stücks zu finden, wäre nicht leicht. Wenn die respektlos ridikülisierten römischen Geistlichen im Dampfbad sitzen, reimt sich etwa "heiß" auf "Schweiß".

Kein Erbe Vivaldis

Vieles von der Leistung des Ensembles wäre ebenso zu loben wie der Protagonist: Unverwüstlich und etwas nasal schreit sich Drew Sarich durch die ihm in die Kehle geschriebenen exponierten Spitzentöne. Düster und bitterböse orgelt Morten Frank Larsen Vivaldis Erzfeind Kardinal Ruffo. Mit verzweifelter Innigkeit gibt Rebecca Nelsen Antonios Geliebte, die Sängerin Annina, die sich auf dem Höhepunkt des Stücks dem auch vokal blendenen Kastraten-Paradiesvogel Cafarelli (dem virtuos Koloraturen stemmenden Thomas Lichtenecker) geschlagen geben muss.

Nach zweieinhalb Stunden schließt sich der Kreis: Das unbekannte letzte Werk Vivaldis stellt sich am Ende als Chimäre heraus; doch in Windeseile reift in den jugendlichen Musikerinnen die Erkenntnis: "Wir sind die fünfte Jahreszeit!" Ein letzter Anlass, um agil zu rocken und dem Premierenjubel den Boden zu bereiten. Nüchtern betrachtet, ist die Bilanz jedoch bescheiden: Die Mädchen-Band darf sich getrost als Erbin Vivaldis betrachten, die Musik von Kolonovits eher nicht. (Daniel Ender, 5.6.2017)