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Klinische Studien: Unis müssen mit Pharmaindustrie kooperieren

User-Diskussion |
8. Juni 2017, 09:00

Kritik an der Pharmabranche und notwendige finanzielle Mittel für die Forschung – ein Medikamentenforscher beantwortet Fragen der User

Sind die Wirkungen von Hausmittelchen nicht auch erforschungswürdig? Wie lässt sich Mehrfachforschung verhindern, oder ist das gar nicht nötig, und warum funktioniert "Open Source" in der Pharmabranche nicht so einfach wie zum Beispiel in der Informationstechnologie? Diese und weitere Fragen haben Leserinnen und Leser im Forum zum Thema "Arzneimittelforschung – Berechtigte Kritik an der Pharmabranche?" gestellt. Der Drug-Designer Thierry Langer gibt die Antworten darauf:

Thierry Langer: Sie haben natürlich recht, leichtere Erkrankungen kann man mit Hausmitteln sowie körperlicher Schonung manchmal gut in den Griff bekommen, und jede gute Ärztin wird Ihnen solche Ratschläge geben. Sobald jedoch eine ernste Erkrankung vorliegt, wäre es ein Kunstfehler, auf effiziente Medikamente zu verzichten. Der Staat finanziert die Universitäten, so gut es geht, was die Ausbildung der Studierenden betrifft – die gerade in Diskussion befindliche Studienplatzfinanzierung wäre hier besonders willkommen –, um die gute Qualität der Absolventinnen sicherstellen. Das ist besonders im Bereich der Gesundheitswissenschaften wichtig, da der Gesellschaft auf diese Weise etwas zurückgegeben werden kann.

Langer: Glücklicherweise (und nicht leider) gibt es immer wieder Spin-offs, in denen patentrechtlich geschützte Ergebnisse akademischer Forschung weiterentwickelt und marktfähig gemacht werden. Universitäten partizipieren dann auch am wirtschaftlichen Erfolg solcher Erfindungen. Leider sind die Kosten für moderne Arzneimittelforschung und -entwicklung aber so hoch, dass keine akademische Institution es sich leisten kann, den Prozess vom Anfang bis zum Ende zu finanzieren. Deshalb sind Private-Public-Partnerships (PPPs) in diesem Bereich wichtig – Universitäten können innovative Grundlagenforschung betreiben und dann in Kooperation mit Partnern aus der Industrie die nächsten Schritte unternehmen. Teuer sind vor allem die klinischen Studien, die unter streng reglementierten Bedingungen durchgeführt werden müssen und mehrere 100 Millionen Euro kosten. Die Produktion der Medikamente an sich ist dann im Verhältnis gesehen relativ günstig.

Langer: Die Frage ist hier, ob es ein Unternehmen gibt, das einen ausreichend großen Markt für ein solches Produkt sieht, um dann eine kosten- und risikointensive Entwicklung zu starten. Das muss man auch unter dem Gesichtspunkt der relativ kostengünstigen hormonellen Verhütungsmittel sehen sowie aller weiterer gut erprobter Methoden, eine Schwangerschaft zu verhüten.

Langer: Die österreichische Initiative "W4I" wird natürlich mit international erfolgreichen Institutionen zum Wissenstransfer im Bereich Life Sciences kooperieren. Unser Fokus wird auf der Forschungsseite liegen, und die Entwicklung bis zur Klinik wird in Partnerschaft mit solchen Institutionen passieren. Sobald klinische Untersuchungen notwendig werden, muss die Industrie mitziehen, weil das die Finanzierungskapazität von "W4I" übersteigt. Die Ergebnisse klinischer Studien sind alle öffentlich einsehbar, sowohl die positiven als auch die negativen. Mehrfachforschungen in diesem Sinne existieren also praktisch nicht, denn sobald sich ein Therapiekonzept in der Klinik als nicht erfolgversprechend herausstellt, werden die Mitbewerber hellhörig und stellen dann oft sofort die eigenen Studien ein.

Langer: Unter den Desinfektionsmitteln finden sich Vertreter, die als Viruzide verwendet werden können. Als solche bezeichnet man Substanzen, die durch eine Zerstörung der viralen Nukleinsäure, häufiger durch eine Denaturierung oder Entfernung der Virushülle die Infektiosität von Viren herabsetzen oder vollständig verhindern. Desinfektionsmittel können allerdings nicht therapeutisch eingesetzt werden, da ihre unspezifische Wirkung auch körpereigene Zellen schädigen würde.

Langer: In der Tat sind Gedanken an Open-Source-Innovation, auch im Bereich der Pharmaforschung, durchaus interessant, und manche Firmen haben schon entsprechende Programme gestartet. Ein Überblick ist in dem Artikel "Crowdsourcing for Pharmaceutical Research" zu finden. Es ist sicher mehr als reine Imagekorrektur: Innovative Grundlagenforschung findet immer öfter in kleinen und agilen Gruppen statt, seien es akademische Labors oder Spin-offs. Der Vergleich mit der IT-Branche hinkt leider ein bisschen, weil die Produktentwicklungszyklen in der pharmazeutischen Forschung und Entwicklung mit durchschnittlich zwölf bis 15 Jahren wesentlich länger sind als in der IT-Industrie.

Langer: Die reinen Herstellungskosten einer Dosis liegen im Bereich einiger Euro oder noch weniger. Für die Preiskalkulation sind die Forschungs- und Entwicklungskosten relevant. Im Fall von Sofosbuvir hatte Gilead die Firma Pharmasset um rund elf Milliarden Dollar gekauft, lange bevor das Medikament überhaupt eine Marktzulassung hatte. Gilead führte die Entwicklung erfolgreich zu Ende und erhielt für das neue Medikament die Zulassung. (Thierry Langer, 8.6.2017)

Link

Sean Ekins, Antony J. Williams: Reaching Out to Collaborators: Crowdsourcing for Pharmaceutical Research (2010)

Thierry Langer leitet das Department für Pharmazeutische Chemie der Universität Wien und bezeichnet sich als Drug- beziehungsweise Medikamenten-Designer.

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