Foto: Lukas Gansterer

Sascha Aumüller: Das Luftmatratzen-Massaker

10. Juni 2017, 09:00

Die Ferien sind zum Greifen nah. Wir befragten Autoren und Redakteure, worauf sie im Sommer keinesfalls verzichten können

Die beiden letzten Sommer der Siebzigerjahre waren alles andere als Love & Peace. Aus heutiger Sicht erscheinen 1978 und '79 als Vorboten der sinnlosen Achtziger, zwei Jahre, geprägt von sinnloser Gewalt. Zumindest ist das in meiner Erinnerung so.

Die Einträge eines damals Dreijährigen in seine kindliche Weltchronik stützen diese Theorie: 1978 wird auf einem Strand in Kalabrien eine Luftmatratze von österreichischen Attentätern angeschossen. Das Jahr 1979 überlebt dieselbe Luftmatratze wieder nur knapp. Ein griechischer Diplomat begeht im Delirium ein Attentat auf sie. Aber wie kann es nach zwei Jahrzehnten freier Liebe für Weltfrieden so weit kommen? Wie ist Gewalt gegen einen wehrlosen Schwimmbehelf salonfähig geworden?

Meine Eltern trafen zum vorhersehbaren Ende der friedlichen Hippie-Ära eine Vernunftentscheidung und wurden Teil einer Biker-Gang. Die hatte sich Wehrhaftigkeit auf die Wimpel geschrieben. Vater, Mutter und ihre Motorradfreunde reisten im Sommer 1978 also bewaffnet nach Kalabrien. Im Gepäck führten sie zur Verteidigung eine Harpune mit, die so mickrig war, dass man damit zwar nur Sardellenringe aufspießen konnte, aber das Gefühl subjektiver Sicherheit ist objektiv fast immer ein Blödsinn.

Erst in der historischen Retrospektive zeigt die Reise der Eltern, wie widersprüchlich das Ende dieser Epoche verlief. So wollte die Gang zwar noch wie Hippies aus den Sechzigern unter freiem Himmel am Strand schlafen; sie meinte aber auch, dass sie dort wie in der Achtzigerjahre-Serie "Allein gegen die Mafia" kämpfen müsse. Schließlich weiß man nie, ob die kalabresische Sacra Corona Unita, die beruflich Drogen aus Kolumbien importiert, nicht zum Ausgleich in der Freizeit österreichische Touristen aussackelt.

Alles kam, wie es kommen musste, und mein Vater wurde im Sommer '78 nachtschlafend am Strand überfallen. Wer von den vier Freunden damals gleich geschossen hat, bleibt in der Familie ein Geheimnis. Ich mag das. Jede Familie von der Mafia bis zur Kelly Family braucht Mythen, um sich interessant zu machen. Vor allem, wenn die Wahrheit uninteressant ist.

Der Überfall auf dem Strand von Kalabrien wurde von unserer eigenen Luftmatratze begangen. Ein Windstoß hat sie auf meinen Vater geschupst. Und dann hat sie irgendwer mit der Harpune erschossen, irgendwer anderer hat sie wieder geflickt.

Ledrig

Das aus meiner Sicht Beste an den Siebzigerjahren ist denn auch, dass Luftmatratzen geflickt werden konnten. Sie waren nicht wie heute dünnhäutige Krokodile oder aufgeblasene Bananen. Ihre Haut war ledrig wie die einer hundertjährigen Japanerin von der Insel Honshu. Und so widerstandsfähig, dass die Familienmatratze auf dem ersten Griechenland-Urlaub mit meinen Eltern 1979 schon wieder dabei war.

Nur ein Jahr nach der heimtückischen Harpunen-Attacke rutschte ein Freund meiner Eltern, der in Bonn als Diplomat Vernissagen und daheim in Griechenland Retsina-Flaschen eröffnete, mit dem Korkenzieher ab. Das Loch, das er damit in die orange-blaue Gummihaut riss, flickten wir wieder. Die Matratze sollte mich noch lange durch glückliche Sommer begleiten.

In den späten Achtzigerjahren hätte ich mich gerne mit einem Mädchen im Freibad draufgelegt. Aber die vielen Narben unserer Luftmatratze schienen sie zu warnen: Einfach so Love & Peace war nicht mehr. (Sascha Aumüller, RONDO, 10.6.2017)