Foto: Lukas Gansterer

Anne Feldkamp: Mädchen in der Umkleidekabine

11. Juni 2017, 09:00

Die Ferien sind zum Greifen nah. Wir befragten Autoren und Redakteure, worauf sie im Sommer keinesfalls verzichten können

Das große Geheimnis lag zu Hause in der zweiten Schublade von unten. Ein Stapel "Mädchen"-Magazine, Jahrgang 1991 bis 1992, gerollt und geknickt, einige Seiten herausgerissen. Darin alles, was man mit 13 wissen muss. Wo man eine Levi's herbekommt, die so gut sitzt wie bei Brenda aus "Beverly Hills 90210". Oder wie man sich in ein ansehnliches Mädchen ohne Brille verwandelt.

Eine Anleitung, wie man einen Sommer in der westdeutschen Provinz überlebt, war in diesen Magazinen nicht zu finden. Ein paar Freibadbesuche aber konnten die Ratschläge in den "Mädchen"-Heften retten, halbwegs zumindest. Das war schon eine Menge wert.

Denn da draußen im städtischen Freibad (zwei Schwimmbecken, eine orange Rutsche, zwei Volleyballfelder, eine hügelige Liegewiese) lauerte das Unglück schon in der Umkleidekabine. Oben der halb blinde Spiegel, unter den Füßen die verdreckte Gummimatte, im Gepäck: ein blauer Badeanzug von H&M (wie er in der "Mädchen" empfohlen wurde), ein ausgeleiertes Handtuch, eine Sonnencreme, Lichtschutzfaktor 20. Wichtigstes Utensil: die Sonnenmütze. Sie sollte dem H&M-Badeanzug Lässigkeit verleihen – und über die fehlende Sonnenbrille hinwegtrösten. In Wirklichkeit wurde sie als Tarnkappe getragen.

Slalomlauf

Jeder Freibadbesuch folgte einem simplen Ablauf, die Tarnkappe fester Bestandteil dieses Rituals. Nach dem Baden zügig raus aus dem Becken, ein Slalomlauf um Strandmatten, Kühltaschen und Bratwurststand, um CD-Player, aus denen "Mister Vain" von Culture Beat wummerte, dann rauf aufs ausgeleierte Badehandtuch. Die Sonnenmütze übers angeklatschte Haar und mit einer Fanta in der Hand einigermaßen regungslos auf dem Frottee verharren. Die unbeteiligte Beobachterin zu spielen war dank des breiten Schildes ein ziemliches Kinderspiel.

Unter ihm wanderten die Blicke zum Volleyballfeld. Da sprangen die Jungs in den tief sitzenden Shorts den Bällen und den Mädchen mit den fliegenden Haaren hinterher. Und Action! In der "Mädchen"-Fotolovestory wäre jetzt irgendwas passiert. Der Ball wäre auf dem Sonnenhut gelandet, die Fantaflasche aus der Hand geflogen, ein Paar Shorts wären neben dem Handtuch zum Stehen gekommen. "Hi, du auch hier?" oder ein "Magst mitspielen?" hätte in den Sprechblasen gestanden.

In Wahrheit passierte: nichts von dem. Der Ball flog einfach weiter in hohen Bögen übers Netz, ab und an Pause. Dann fielen die Shorts vor Erschöpfung in den Sand, und die Mädchen mit den fliegenden Haaren kauften am Kiosk Cola-Eis in Stangen. Die Kappe konnte für einen Moment zur Seite gelegt werden. (Anne Feldkamp, RONDO, 11.6.2017)