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Digitales Coaching für Skoliose-Patienten

11. Juni 2017, 08:00

Skoliose ist eine Fehlstellung der Wirbelsäule, die meist in der Pubertät auftritt. Betroffene brauchen oft ein Korsett. Eine App soll den Patienten nun helfen, die Therapie durchzuhalten

Rund 9.000 Menschen in Österreich haben eine Skoliose, eine dreidimensionale Verkrümmung der Wirbelsäule. Dreidimensional bedeutet: Die Wirbelsäule ist nicht nur stark nach links oder rechts gekrümmt, auch die Wirbelkörper sind verdreht. Ungleich stehende Schultern und schiefes Becken sind die charakteristischen Symptome. "Heilbar ist die Krankheit nicht", erklärt Franz Landauer, Oberarzt an der Universitätsklinik für Orthopädie und Traumatologie der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität (PMU) in Salzburg. "Umso wichtiger ist es, dass die Skoliose frühzeitig erkannt wird und die Betroffenen die Therapie durchziehen." Die Behandlung soll verhindern, dass die Krankheit fortschreitet.

Die Fehlstellung tritt meist im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren auf – also in den Anfängen der Pubertät. Zur Behandlung müssen die Jugendlichen regelmäßig in die Physiotherapie. Ist ihre Wirbelsäule stärker als 20 Grad gekrümmt, bekommen sie zudem ein Korsett verschrieben. Das Problem: In der Pubertät haben Jugendliche meist anderes im Kopf als Rückentraining. Auch für das Korsett schämen sich viele. Im Winter kann man es zwar unter der Kleidung verstecken, im Sommer oder auf Partys sieht es jedoch jeder. Das Korsett verändert außerdem den Gang, bei falscher Haltung verursacht es mitunter sogar Schmerzen. "Die Therapie durchzuhalten", bestätigt Oberarzt Landauer, "erfordert Disziplin."

Sensoren messen Tragedauer

Berliner Forscher wollen die Jugendlichen in der Therapie unterstützen. Im Rahmen des Projekts "Bewegungsfähigkeit und Mobilität wiedererlangen" (Bemobil) entwickeln sie eine App – sie soll die jungen Patienten motivieren, die Behandlung durchzuhalten. Um herauszufinden, welche Unterstützung die Betroffenen brauchen, arbeiten die Bemobil-Forscher eng mit den Jugendlichen zusammen. "Die meisten wünschen sich, dass die App ihnen hilft, sich ohne Schmerzen mit dem Korsett zu bewegen", berichtet Psychologin Susanne Dannehl, die an der TU Berlin im Bereich Medizintechnik forscht, "und sie wollen sich ihre Therapieziele selbst setzen."

Dannehl und ihr Team haben deshalb ein ausgeklügeltes Sensorsystem entwickelt. Es erfasst nicht nur, wie lange die Betroffenen ihr Korsett tragen, sondern auch, wie sie sich in ihm bewegen, wie sie atmen, an welchen Stellen das Korsett drückt. Im Anschluss werden die Daten via Bluetooth auf das Smartphone übertragen und von der App ausgewertet. "Diese zeitnahe Rückmeldung macht die Erfolge der Therapie direkt erlebbar", erklärt die Psychologin, "und zeigt den Jugendlichen, dass sie ihre Krankheit selbst beeinflussen können."

Der digitale Ansatz gefällt auch Esther Klissenbauer vom Skoliose-Therapiezentrum in Wien. Eine App, die Jugendliche beim Tragen des Korsetts unterstützt, erscheint der Physiotherapeutin äußerst sinnvoll.

Noch nicht marktreif

Die App ist jedoch nicht die erste Technik, die jungen Menschen mit Skoliose bei der Therapie helfen soll. "Einige Orthopädietechniker nutzen auch ein spezielles Chipsystem, um die Tragezeit zu erfassen", berichtet Klissenbauer. Gemessen werde über die Temperatur, die beim Tragen des Korsetts entsteht.

"Viele Jugendliche empfinden dieses System allerdings nicht als Hilfe", hat Susanne Dannehl in ihren Befragungen erfahren, "sondern als Überwachung." Die Daten der Bemobil-App sind daher nur für die Betroffenen bestimmt. "Ob sie die Informationen dann mit ihrem Arzt teilen", so Dannehl, "können die Jugendlichen selbst entscheiden." Dazu kommt: Die Chipsysteme werden in der Regel nur halbjährlich ausgewertet – nämlich wenn das Korsett neu angepasst wird. "Zu wissen, dass sie ihr Korsett vor vier Monaten zu wenig getragen haben, hilft den Jugendlichen dann nicht mehr", erklärt Dannehl.

Oberarzt Landauer hat mit dem Chipsystem indes gute Erfahrungen gemacht. Für ihn bieten die Daten eine neutrale Gesprächsbasis. Die App der Bemobil-Forscher erscheint ihm als eine logische Weiterentwicklung.

Marktreif ist die App noch nicht. Psychologin Dannehl ist jedoch optimistisch: "In einem Jahr ist das System hoffentlich einsatzbereit." Die ersten Nutzertests hätten bereits stattgefunden, so Dannehl, "Und die Rückmeldungen der Jugendlichen waren äußerst positiv." (Stella Hombach, 11.6.2017)