Alois Mock in Göttweig

Kolumne |
12. Juni 2017, 17:15

Alois Mock war ein überzeugter Kämpfer für die Entgrenzung Europas

Einige Tage vor dem Requiem für Alois Mock an diesem Dienstag in der Domkirche St. Stephan zu Wien fand am Wochenende zum zweiundzwanzigsten Mal das von ihm und von Altlandeshauptmann Erwin Pröll 1995 gründete Europa-Forum Wachau im Benediktinerstift Göttweig statt. Dieser große Österreicher hat nicht nur auf der weltpolitischen Bühne in der Europa- und in der Ostpolitik für Österreich bis heute zu Recht gerühmte Weichenstellungen für die Zweite Republik vorgenommen. Wenige wissen in unserer kurzlebigen Zeit, dass er auch der intellektuelle Baumeister dieses einzigartigen Forums für internationalen Dialog, grenzüberschreitende Zusammenarbeit und außenpolitische Anregungen gewesen ist.

Nie werde ich vergessen, wie er auf der sonnigen Terrasse des Stiftrestaurants der weltberühmten Kolumnistin der "New York Times" Flora Lewis mit seiner charakteristischen Leidenschaft die österreichische Position in der Diskussion über die europäische Integration erklärt hat. Zum ersten Mal dürfte in diesem Weltblatt bei dem Interview damals die Ortsangabe "Göttweig" abgedruckt worden sein. Kurz danach sprach er in glänzendem Französisch mit dem Moskau-Korrespondenten von "Le Monde" über die neuen Spannungen auf dem Balkan. Damals war der erste ausländische Gast Jean-Claude Juncker, Ministerpräsident von Luxemburg.

Seitdem fanden dutzende Staatpräsidenten, Premiers und Außenminister aus west- und vor allem osteuropäischen Staaten den Weg auf den Göttweiger Berg, um ihre außenpolitischen Positionen zu vertreten und zugleich, immer häufiger, die Europäische Union und ihre Institutionen zu kritisieren. Es schien mir symbolisch zu sein, dass vor der Heiligen Messe in der Stiftskirche Göttweig im Andenken an Alois Mock der Außenminister der Ukraine, Pawlo Klimkin, die soeben in Kraft getretene Aufhebung des Visumzwanges für ukrainische Bürger durch die EU-Staaten begrüßt hatte.

Alois Mock, dieser Mann von "unangreifbarer Integrität" (so Altbundespräsident Heinz Fischer in seinem Nachruf) war ein überzeugter Kämpfer für die Entgrenzung Europas, für den Abbau der Hindernisse bei dem freien Verkehr von Menschen, Ideen und Waren. Er hat mutig die bis heute kritisierte Initiative zur Anerkennung der Unabhängigkeit Kroatiens und Sloweniens ergriffen. Damals war das zweite, das titoistische Jugoslawien schon klinisch tot. Er hat stets die freie und unzensurierte Berichterstattung über die kommunistische Welt verteidigt und den Denunzianten im In- und Ausland eine Abfuhr erteilt.

Durch eine tückische Krankheit konnte dieser auch menschlich so anständige, so bescheidene Staatsmann den Aufstieg Göttweigs zu einem auch international hochgeschätzten Dialogforum nicht mehr aus der Nähe verfolgen. Der 2002 zum ersten Mal verliehene Dr.-Alois-Mock-Europapreis und die gleichnamige Stiftung für Jungakademiker erinnern an sein Wirken. Seine Zugehörigkeit zur gleichen CV-Verbindung (Norika) wie mein 1995 verstorbener bester Freund Kurt Vorhofer bildete die Grundlage der jahrzehntelangen Zusammenarbeit mit diesem unvergesslichen Symbol eines europabewussten Österreichs.(Paul Lendvai, 12.6.2017)

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