Wir brauchen kritischen Journalismus

Kommentar der anderen |
18. Juni 2017, 14:52

In den vergangenen Jahren ist eine Art Kuscheltrend in vielen Medien eingerissen. Statt von Politikern Begründung und Rechtfertigung zu verlangen, bewegen sich viele Journalisten lieber im Dunstkreis der Macht. Kritisches Nachfragen scheint passé

Das ist ein toller Hecht. Hat immer einen guten Spruch drauf. Wirkt cool. Und denkt blitzblank in seinem Oberstübchen. Wir sprechen über Wladimir Wladimirowitsch Putin, seit 17 Jahren mit nur einer Unterbrechung der Präsident Russlands.

Woher ich das weiß? Der US-amerikanische Publizist und Regisseur Oliver Stone hat Putin im Verlauf der letzten zwei Jahre immer wieder interviewt. Dreißig Stunden lang – sehr viel Zeit, um ein paar kritische Fragen zu stellen. Doch die fehlen. Also wird uns ein Superkerl vorgeführt, der alles weiß und alles im Griff hat.

Huldigungsjournalismus ...

Diese Art Personenhuldigung passt in den Medientrend: Seid nett zueinander, so lautet die Megalosung von (fast) allen Seiten. Im Fortgang der vergangenen zwei Jahrzehnte ging auch im deutschen Fernsehen – meiner Beobachtung zufolge – der Anteil an kritisch intonierten Interviews deutlich zurück: immer weniger überprüfende Nachfragen, immer seltener Gegenargumente und immer häufiger seichtes Gerede.

... statt kritischer Fragen

Bis in die 1990er-Jahre gehörte es zum Rollenverständnis der Journalisten, die Macht- und Funktionsträger kritisch zu befragen – nicht als Selbstzweck, sondern mit der Aufforderung, ihr machtvolles Handeln öffentlich zu begründen und zu rechtfertigen. Diese Funktion hatten sich die deutschen Journalisten nicht allein ausgedacht. In einschlägigen Bundesverfassungsgerichtsurteilen, in den Landespressegesetzen und den Rundfunkstaatsverträgen steht ausdrücklich, dass die Journalisten gegenüber der Politik Kritik und Kontrolle zu üben hätten. Dies sei Teil ihrer "öffentlichen Aufgabe".

Wer nur als Wortgeber der Politiker agiert, ist nach dieser Aufgabenzuschreibung de facto kein Journalist, vielmehr PR-Akteur: ein Steigbügelhalter der Politikselbstdarsteller.

Weichgespült ...

Vom konfrontativ geführten Interview zur weichgespülten Erzähl-uns-was-Befragung: Dieser Wandel lässt sich auch beim Spiegel-Gespräch nachzeichnen. Es wurde Mitte der 50er-Jahre als konfrontativ geführter Diskurs erfunden. Die großartigen, in der Sache hart geführten Dispute etwa mit Franz Josef Strauß, Helmut Schmidt, Willy Brandt, Bruno Kreisky, Donald Rumsfeld, Muammar al-Gaddafi, François Mitterrand, Kurt Waldheim und Michail Gorbatschow, mit Verfassungsrichtern, Gewerkschaftschefs, Wirtschaftsführern und Geheimdienstbossen – und auch Franz Beckenbauer – lieferten jedes Mal ein spannendes Stück Aufklärung.

Doch diese griffige Haltung verlor sich nach und nach, heute dominiert das "explorierende" Spiegel-Gespräch, reich an Liebenswürdigkeiten. Oder die vielen Talkrunden im Fernsehen: Dampfplaudereien ersetzen den konzentrierten, um Klärung bemühten Disput – wehmütig denkt man zurück etwa an Rudolf Rohlingers "Kreuzfeuer"-Format in den ARD.

...statt konfrontativ

Mit diesem Kuscheltrend einher geht die Nähe zur politischen Elite. Mehrere Studien zeigen, dass die Journalisten der deutschen Leitmedien sich gerne im Dunstkreis der Berliner Politik aufhalten, vielleicht weil sie sich selbst für mächtiger halten, wenn sie mit den Mächtigen parlieren. Sie übernehmen die Sicht der Politiker und verlieren die Positionen aus dem Blick, die vom politischen Mainstream abweichen. Auch die politische Opposition im Parlament wird von den Medien als bedeutungslose Randfigur behandelt. Man sollte sich darum nicht wundern, dass die meinungsführenden Medien von vielen Oppositionellen als "Systempresse" und als "Lückenpresse" attackiert werden.

Klassisches Handwerk

Auch bei Rundfunkinterviews gewinnt man den Eindruck, die Journalisten hätten inzwischen das kritische Nachfragen ganz verlernt – selbst dann, wenn es um Außenseiter und Extremisten geht. Man erinnert sich an das Radiointerview des britischen Journalisten Tim Sebastian mit der AfD-Chefin Frauke Petry im Frühjahr 2016. Die Journalistenszene jubelte: Sebastian habe Petry gegrillt, er habe sie demontiert. Offenbar machte der Brite nur das, was zum klassischen Interviewhandwerk gehört: sehr gut vorbereiten, den Fokus auf die wichtigen Punkte konzentrieren, hartnäckig dranbleiben und die gefragten Auskünfte unverdrossen einfordern.

Inzwischen sind in Deutschland einige Fernsehjournalisten aufgewacht. Sie sehen, dass selbst in den stark eingedampften Interviewformaten von fünf oder sechs Minuten Dauer mehr zu holen ist als nur ein paar Statements: dass man den Zuschauern zeigen kann, wie der Minister mit kritischen Rückfragen umgeht, ob er Phrasen drischt oder glaubwürdige Argumente liefert.

Gutes Zeichen

Man kann es darum als gutes Zeichen deuten, dass der österreichische Fernsehjournalist und Interviewer Armin Wolf vorige Woche von Deutschlands wichtigster Journalistenvereinigung "Netzwerk Recherche" für seine unbestechliche Art der Interviewführung mit dem "Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen" ausgezeichnet wurde: Es ist ein Leuchtturm, der den im Nebel tappenden Kollegen den Weg zeigt, der sie zu ihrer Berufsrolle (zurück)führt. (Michael Haller, 18.6.2017)

Michael Haller (Jg. 1945) ist emeritierter Universitätsprofessor der Uni Leipzig, Journalismusforscher und Verfasser des Standardwerks "Das Interview" (UVK/Halem, 5. Auflage 2013).