, Beate Hausbichler

"Wonder Woman": "Männlichkeit" ist kein Maßstab

Karriereratgeber für Frauen empfehlen bis heute, mehr "wie ein Mann" im vorgestrigen Sinne zu agieren – dann stelle sich Erfolg ein. Ein Blockbuster straft das alles Lügen

Heraustreten aus den Schützengräben der Vergangenheit. Gal Gadot als Wonder Women.

foto: clay enos/warner

Das Superhelden-Kino saugte in den letzten Jahren die Comicszene nach männlichen Helden bis zum Gehtnichtmehr aus. Figuren wie Spider-, Super- und Batman, Captain America bis zu Thor – ja sogar Ant-Man – mussten auf die Kinoleinwand. Unzählige Fortsetzungen und wundersame Hybridwesen, allerdings stets in männlicher Gestalt, später geschah dann doch das Wonder.

Seit letztem Donnerstag ist "Wonder Woman" in den Kinos zu sehen, und viele bangten wohl, ob die Umsetzung einer solchen denkwürdigen Premiere wohl würdig ist. So dauerte es seit ihrer Geburt als erste Superheldin des DC-Comic-Verlags 1941 enorm lange, bis sie ihren Auftritt im Blockbuster-Kino bekommen sollte. Eine Figur, die nicht nur das weibliche Gegenüber hypermaskuliner Helden ist, wie etwa Batgirl, Spiderwoman oder She-Hulk. Dass Wonder Woman auch sonst viel mehr als nur ein weibliches Pendant zum Superhelden ist, erfreut nicht nur die praktisch einhellig lobende bis begeisterte Filmkritik, sondern auch Scharen von Frauen, die ob dieser ungewohnten Ästhetik gar in Tränen ausbrechen.

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Herkömmliches als Richtschnur?

Wonder Woman wird auf einer Insel groß, die ausschließlich von Amazonen bewohnt wird. Dort wird nicht dem binären Geschlechterregime gehuldigt, Emotionen und Empathie werden nicht herabwürdigend als "weiblich", Aggression und Kampfeslust als hormonwütende "Männlichkeit" eingestuft. Wonder Woman ist Weder-noch, oder: Sowohl-als-auch. Sie kennt keinen beschneidenden Rahmen, dem sich anzupassen ihr Erfolg verspricht. Wonder Woman orientiert sich einzig an dem, was sie selbst für den richtigen Weg hält. Ob das nun cool rüberkommt, war Regisseurin Petty Jenkins offenbar egal – und sie fährt damit breite Anerkennung ein.

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Doch "Wonder Woman" ist nicht nur ein Film, der ein Stück weit beweist, dass sich das feministische Bewusstsein in der Tat weiterentwickelt haben dürfte und nicht nur zu einem modernen Label geworden ist. Er ist außerdem ein wunderbarer Kommentar zu aktuellen und hiesigen Debatten über die Realitätsferne feministischer Forderungen, in denen herrschende Strukturen ständig für einen vermeintlichen Realitätscheck herangezogen werden, Stichwort Frauenvolksbegehren. Sind herkömmliche Vorstellungen von Arbeitsteilung oder reproduktive Gesundheit wirklich die richtige Richtschnur, um in die Zukunft zu denken? Damit wären nur zwei Forderungen des Frauenvolksbegehrens angeschnitten; die 30-Stunden-Woche und der Schwangerschaftsabbruch auf Krankenschein, Forderungen, die bisherige gesellschaftliche Verhältnisse zurecht in Frage stellen und die auch eine Überwindung dieser Verhältnisse voraussetzen.

Bitte mehr wie Gordon Gekko

In die entgegengesetzte Richtung rennt hingegen kleingeistiger Pseudofeminismus dieser Art: Schon seit den 1980er-Jahren legt die Ratgeberindustrie Frauen nahe, sie sollten doch einfach etwas mehr wie Gordon Gekko aus "Wall Street" sein und so – zumindest für sich selbst – die gläserne Decke durchstoßen und den Gehaltsscheck auffetten. Nun, welche heute auf eine Karriereberatung für Frauen stößt, die damit kommt, braucht nur mehr ein Gegenargument: "Wonder Woman", 2017, der Film. So geht's auch. (Beate Hausbichler, 20.6.2017)

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