Foto: Jürgen Lindemann

Omnipräsent: Der Kunststoffsessel Monobloc

24. Juni 2017, 12:00

Jeder ist schon auf ihm gesessen, kaum jemand mag ihn, trotzdem taucht er an jeder Ecke auf

Mit einer Frage kann man Designer am meisten nerven: Warum werden immer noch Sessel entworfen? Gibt es denn nicht genug? Die Antworten sind mannigfaltig. Der große Architekt Jean Nouvel zum Beispiel zuckt mit den Schultern und meint: Das Problem ist, dass die Menschheit seit Anbeginn ihren Hintern irgendwo hinsetzt. Er meint, man müsse sich als Gestalter immer wiederholen und Gründe finden, noch einen und noch einen Stuhl zu entwerfen.

Ein Entwurf steht jedoch über all dem: der sogenannte Monobloc. Er ist Produkt gewordene Masse. Jeder hat schon darauf gesessen, Gaddafi ebenso wie Angela Merkel, Trump auch, Bürgermeister Häupl sowieso. An ihm ist kein Vorbeisitzen. Der Monobloc findet sich vor Massai-Hütten ebenso wie vor Iglus oder am Strand von Caorle oder Rio de Janeiro.

40 sogenannte Monoblocs fotografierte Jürgen Lindemann, weltweit sind sie omnipräsent und längst unzählig. Das Vitra-Design-Musum widmet dem Plastiksessel derzeit eine Ausstellung.
foto: jürgen lindemann

Das Ding repräsentiert alles, was jenseits von Wert und Individualität steht, vor allem in Zeiten der DIY-Bewegung, in denen sogar Brad Pitt an der Töpferscheibe sitzt, ob aus Liebeskummer oder nicht. Der Monobloc ist so omnipräsent, dass er als Möbelstück im Prinzip gar nicht mehr wahrgenommen wird. Er ist einfach nur da. Anmut ist das Seine nicht. Dafür ist er im Gegensatz zu anderen Alltagsgegenständen eine ehrliche Plastikhaut: Er sieht nämlich genau nach dem aus, was er ist, ein Plastikstuhl, an dem niemand hängt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Apropos: Googelt man ihn auf die Schnelle, kostet das erste Modell, das aufpoppt, 5,99 Euro. Es heißt Scilla.

Der Name Monobloc tönt, als wäre das Möbel schwer, als verspräche es Ausdauer, dabei bläst jedes Lüfterl, das ein bisschen was auf der Brust hat, dieses Möbel aus dem Schanigarten eines Tankstellenimbisses. Kaum ist der Verlust eines Möbels leichter zu ertragen als der Abgang eines Monbloc. Er ist definitiv kein Sammlerstück. Anders gesagt: Der Monobloc ist in Sachen Materialaufwand und Ästhetik der Pappteller der Sesselindustrie, das schnelle Post-it der Möbelwelt. Hinzu kommt eine zusätzliche Pick-Qualität, wenn man sich im Sommer halbnackig im heißen Strandcafé auf ihm niederlässt. Egal, ob auf Antigua oder in Neusiedl am See.

"Österreich" – Ein Monobloc vor österreichischer Bergkulisse.
foto: jürgen lindemann

Und doch ist er von Wert: Er kost' wirklich (fast) nichts, sein Wiedererkennungswert ist einzigartig, er wurde zu einer Ikone der Moderne, und – frei nach Jean Nouvel – seinen Hintern kann man auch draufsetzen. Immer und überall. Namensgebend ist übrigens die Spritzgussfertigung aus Polypropylen in einem Stück.

Wenig ruhmreich

Längst steht der Monobloc für sich selbst, und sein Design scheint anonym zu sein. Ab den 1920er-Jahren träumten Designer davon, einen Sessel aus einem Stück Material herzustellen, ab den 1950er-Jahren machten dies neue Kunststofftechnologien möglich. Zu den ersten serienreifen Modellen zählen der auch nicht gerade unbekannte Panton Chair von Verner Panton oder der Sessel Selene von Vico Magistretti. Als Urtyp des billigen Kunststoffstuhls und erster Monobloc gilt allerdings der Fauteuil 300, den der französische Ingenieur Henry Massonnet 1972 entwarf.

Auch der Panton Chair ist nur aus einem Stück Material gefertigt.
foto: jürgen hans

Zur Hand ging ihm angeblich Pierre Paulin (1927-2009), renommierter französischer Designer und unter anderem Innenausstatter keiner Geringeren als François Mitterrand oder Georges Pompidou. Paulin wollte, so heißt es, bei diesem Entwurf jedoch lieber ungenannt bleiben. Man sieht, der Monobloc hatte von Anfang an nicht gerade das Zeug zum ruhmreichen Klassiker und Must-have. Ab den 1980er-Jahren brachten immer mehr Unternehmen ähnliche Modelle auf den Markt. Mittlerweile dürften es hunderte sein.

Bis heute beschäftigt der Monobloc auch Designer, die für alles andere als für Anonymität stehen und Verwandte des Monobloc von Rang und Namen schufen. Einige davon sind in der derzeit stattfindenden Schau "Monobloc – Ein Stuhl für die Welt" zu sehen, die das Vitra Design Museum noch bis zum 9. Juli im deutschen Weil am Rhein zeigt.

Der "Fauteuil 300" aus dem Jahr 1972 gilt als erster Monobloc.
foto: jürgen hans

Zu sehen sind etwa der Sessel Myto, ein pechschwarzer Monobloc-Entwurf des deutschen Designers Konstantin Grcic aus dem Jahre 2008, oder die Objekte von Lu Yii Wij Tong, der einfache Monobloc-Sessel mit Textilien samt Louis-Vuitton-Logo überzog. Der Name der Arbeit: "Fake Louis Vuitton Chair" – ein schönes Beispiel, das zeigt, wie widersprüchlich seine Bedeutung als Klassiker dargestellt werden kann, denn auch dazu hat der Monobloc durchaus das Zeug. Ein Stück Kulturgeschichte ist er längst. Seine Widersprüchlichkeit wird weiters dadurch sichtbar gemacht, dass das Objekt bei einer Gartenparty ebenso zu finden ist wie in einem Krisengebiet.

Gerade seine Omnipräsenz ist es, die vor allem so manchen Designer fasziniert und wohl auch reizt, denn wer aus der Zunft der Entwerfer träumt nicht von einem Sessel, auf dem die ganze Welt sitzt? Dabei mag man dem Monobloc gegenüberstehen, wie man will. Dann und wann auf einem Platz zu nehmen, daran führt schon lange kein Weg mehr vorbei.(Michael Hausenblas, RONDO, 24.6.2017)

Fast unzerstörbar: Ein gelber Monobloc, rausgefischt aus der Bucht von Guanabara vor Rio de Janeiro.
foto: reuters/moraes

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Ausstellung: "Monobloc – Ein Stuhl für die Welt"
Vitra-Schaudepot
Charles-Eames-Straße 2
Weil am Rhein (D);
bis 9. Juli

www.design-museum.de