Warum anonyme Bewertungen von Firmen bei der Jobsuche beliebter werden

Besonders junge Bewerber vertrauen nicht mehr auf das, was Firmen über sich selbst schreiben. Eine Umfrage zeigt, wie Arbeitgeberplattformen verwendet weden

Mit über 1.619.000 Bewertungen zu mehr als 316.000 Unternehmen ist "Kununu" die größte Arbeitgeberbewertungsplattform in Europa, in den USA ist "Glassdoor" führend. Auf diesen Plattformen können Unternehmen anonym bewertet werden – auch durch Sternchen.

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Klar – auf ihren eigenen Websites präsentieren sich Unternehmen nur von ihrer besten Seite: faire Bezahlung, flexible Arbeitszeiten, nette Kollegen. Als Bewerber hört und liest man meist einen Einheitsbrei an Eigenlob – kein Wunder also, dass sich mittlerweile viele über Arbeitgeberbewertungsplattformen schlau machen. Mitarbeiter und Bewerber können hier mit ihren Bewertungen die Diskrepanz zwischen Selbstdarstellung und Arbeitsrealität schließen. Allerdings zeigt bereits ein Blick in die Geschäftsmodelle, dass es doch nicht so einfach ist: Unternehmen bezahlen dafür, auf dem Portal präsent zu sein, wer bewerten will, kann das gratis – und anonym – tun.

Noch nicht ganz angekommen

Eine aktuelle Umfrage hat sich deshalb der Frage gewidmet, wie Bewerber Plattformen wie "Kununu" und "Glassdoor" nutzen. Ist es heute schon so normal, sich vor einer Bewerbung über einen möglichen Arbeitgeber zu informieren, wie vor der Buchung eines Hotels eine entsprechende Bewertungsplattform zurate zu ziehen? Laut Umfrage nicht ganz: Während 91,3 Prozent der befragten Bewerber vor dem Kauf technischer Produkte und 88,8 Prozent vor der Buchung eines Hotels auf Bewertungsplattformen zurückgreifen, tun das bei der Arbeitgeberwahl nur 45,7 Prozent.

"Damit sind Arbeitgeberbewertungsplattformen als meinungsbildende Instanz für die Wahrnehmung von Arbeitgebern dennoch für alle Unternehmen schon heute ein ernstzunehmender Faktor", sagt Dominik Faber, Gründer und Geschäftsführer von Softgarden. Die E-Recruiting-Plattform hat die Umfrage unter 2.085 Bewerbern durchgeführt. Der hohe Nutzungsgrad von Bewertungsplattformen in anderen Kontexten zeige aber, wohin die Reise künftig gehen könne.

Etwa drei Viertel derjenigen Bewerber, die schon heute Arbeitgeberbewertungsplattformen nutzen, finden diese Angebote insgesamt "verlässlich" oder "sehr verlässlich". Unterschiede in der Wahrnehmung zeigen sich zwischen der Bewertung durch Sterne und der Bewertung in Textform – also in Form von Kommentaren. Während die Sterne für knapp weniger als die Hälfte "verlässlich" oder "sehr verlässlich" sind, liegt dieser Wert bei den Textkommentaren mit 58 Prozent deutlich höher. Die Reaktionen der Unternehmen auf die Kommentare von Mitarbeitern und Bewerbern halten nur 46 Prozent für "verlässlich" oder "sehr verlässlich". Allerdings macht gut ein Drittel der Befragten keine Angabe.

Umgang mit Kritik macht glaubwürdig

Bewerber berichten in der Umfrage auch, wie sie Arbeitgeberbewertungsplattformen konkret nutzen. Softgarden sieht einen "intelligenten Umgang mit dem Phänomen". "Bewertungen ohne Fließtext außer Acht lassen", empfiehlt etwa ein Teilnehmer. "Es ist wichtig, alle Bewertungen zu lesen, nicht nur die schlechten", schreibt ein anderer. Ein weiterer Teilnehmer hält die "ausgewogenen Kommentare" für am "glaubhaftesten", das seien "weder die, die alles loben, noch die, die nur meckern".

Die Kritik der Bewerber am Umgang von Arbeitgebern mit Bewertungsplattformen sei außerdem ein Hinweis auf ihren "reifen Blick", heißt es von Softgarden. Hier kommt vor allem die Dialogfähigkeit der Arbeitgeber zur Sprache: "Alle extremen Aussagen enthalten etwas Wahrheit. In Reaktionen und dem Umgang mit Kritik zeigen Unternehmen ihre wahre Größe", schreibt ein Teilnehmer. "Es ist meist etwas Wahres dran, wenn sich jemand detailliert über Missstände äußert. Die Reaktionen von den Arbeitgebern sind dann meist Copy-and-Paste-Texte", meint ein anderer.

Warum die Plattformen manche nicht überzeugen

Und welche Gründe führen diejenigen an, die aktuell noch keine dieser Plattformen nutzen? 42 Prozent finden die Bewertungen subjektiv, etwa ein Drittel wenig repräsentativ. Hinzu kommen verschiedene andere Motive, die die Befragten in einem Freitextfeld mitteilten. "Ich habe nicht gewusst, dass es so eine Plattform gibt", schreibt ein Teilnehmer. "Es gibt leider gefakte Einträge durch die Arbeitgeber selbst", meint ein anderer. "Ich vertraue auf mein Gefühl während des Bewerbungsgesprächs ohne vorherige Beeinflussung", berichtet ein weiterer Bewerber.

"Aller Voraussicht nach wird aus der sehr großen Minderheit der Bewerber, die aktuell Arbeitgeberbewertungsplattformen nutzen, in wenigen Jahren eine Mehrheit", sagt Dominik Faber. Arbeitgeber sollten diese Plattformen deshalb als Chance erkennen und als Spielfelder für einen zeitgemäßen Dialog mit ihren Bewerbern nutzen, rät Faber. (lhag, 22.6.2017)

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