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Sugar Daddies und Boy Toys: Vermessung des Altersunterschieds

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25. Juni 2017, 15:00

Wer allen Ernstes mit Ende dreißig gefragt wird, ob die zwölfjährige Tochter die jüngere Freundin sei, muss das Thema Altersunterschied in Beziehungen persönlich nehmen

Eigentlich wollte ich mir das Phänomen des beträchtlichen Altersunterschieds in Paarbeziehungen in Ruhe und aus der Distanz anschauen. Mir ganz gemütlich überlegen, was es mit Sugar Daddies, Boy Toys und Arm Candy auf sich hat und ob eine Eindeutschung dieser Begriffe sinnvoll ist. Ein paar Meinungsbomben in meiner Kolumne platzieren, um dann für einen Monat wieder in der publizistischen Deckung zu verschwinden. Möglichst ohne Ich-Nennung, weil mir im Journalismus gerade zu ausgiebig "geicht" wird.

Aber wenn man allen Ernstes mit Ende dreißig gefragt wird, ob die zwölfjährige Tochter nicht die jüngere Freundin sei, ist man die längste Zeit distanziert gewesen. Dann muss ein Ich her. Ein empörtes, angewidertes, konsterniertes Ich, das auf dem Nachhauseweg Jennifer Lopez im Radio klarstellen hört, dass sie nicht den ganzen Tag kocht und die Wäsche für ihren jüngeren Lover macht, weil sie nicht seine Mama ist. Gut zu wissen, denke ich, und versuche den Themenkomplex Altersunterschied, Macht und Sexualität halbwegs zu sortieren.

  1. Selbst wenn meine Tochter deutlich älter aussähe, als sie ist, und ich sehr viel jünger wirken würde, als ich tue, wäre das Ganze trotzdem ausgesprochen befremdlich. Dann ginge es dabei immer noch um die Beziehung eines minderjährigen Mädchens mit einem seit über einem Jahrzehnt erwachsenen Mann.

  2. Dass ich nicht auf die Idee komme, meine Tochter auf älter als zwölf Jahre zu schätzen, heißt nicht, dass es anderen auch so geht. Die größte Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit versprechen wir als Gesellschaft Frauen im Alter von etwa siebzehn bis sechsundzwanzig Jahren. Darüber und darunter wird sich mittels Accessoires und adaptiertem Verhalten in diese Zone hineingeholfen. In einem weitaus weniger engen Rahmen gilt das zunehmend auch für Jungen und Männer.

  3. Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Frau in einer ähnlichen Situation als Freundin ihres Sohnes identifiziert werden würde. Im Gegenteil: Selbst eine mögliche Beziehung mit einem volljährigen, deutlich jüngeren Mann stünde in der Außenwahrnehmung mehrheitlich unter Verwandtschaftsverdacht.

  4. Setzt man Volljährigkeit und Einvernehmlichkeit voraus, hat eine Beziehung mit einem größeren als dem durchschnittlichen Altersunterschied genauso ihre Berechtigung wie andere auch.

  5. In der Thematik steckt einiges an Potenzial, die momentanen Auf- und Umbrüche in den Geschlechterrollen abzubilden, aber auch eine sehr traditionelle Schieflage, die altbekannte Klischees aufbietet.

Tatsächlich wird es heutzutage nicht mehr für vollkommen unmöglich gehalten, dass Frauen die obere Grenze eines markanten Altersunterschiedes zwischen Paaren bilden. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie mittlerweile auch zu Bildung, Macht und Wohlstand gelangen und damit ihr sozioökonomisches Kapital beträchtlich steigern können. Dementsprechend ist es nur folgerichtig, dass es nicht bloß Dating-Portale gibt, auf denen ältere Herren junge Damen für die Gunst ihrer "Gesellschaft" (companionship) mit Aufmerksamkeit, Geschenken und Geld "verwöhnen" (pampering) wollen, sondern auch welche für die umgekehrte Situation.

Der Standard unserer Sehgewohnheiten

Die Sugar Mamas und ihre Boy Toys sind auf dem Vormarsch, wenn auch lange nicht so stark vertreten wie das Gegenmodell. Trotzdem ist es nicht die gleiche und schon gar keine gleichberechtigte Situation. Denn beide Plattformen richten sich primär an Männer. Wo die Sugar-Daddy-Webseiten mit ihren Bildern von ergrauten Klienten den Eindruck vermitteln, mann könne ruhig sichtbar alt sein, solange dies durch Status und Geld wettgemacht wird, versichern ihre Pendants bildlich, dass frau schon nicht so viel älter sein wird oder zumindest nicht so aussieht.

Zu weit sollen auch (einfluss)reiche Frauen sich nicht dem Diktat der Normschönheit und Jugendlichkeit entziehen dürfen. Darüber hinaus ist die Älterer-Mann-jüngere-Frau-Version nach wie vor der Standard unserer Sehgewohnheiten. Während wir uns Filme anschauen, in denen weibliche Twentysomethings die Angebeteten ihrer männlichen Kollegen in den Vierzigern und Fünfzigern spielen, bekommt die 37 jährige Schauspielerin Maggie Gyllenhaal eine Rolle deshalb nicht, weil sie für die Darstellung der Geliebten des achtzehn Jahre älteren Hauptdarstellers einfach nicht jung genug ist.

Und falls Sie mir immer noch nicht darin folgen wollen, dass es jenseits eines wünschenswerten "Jede und jeder nach seiner Façon" genderspezifische Machtgefälle und doppelte Standards gibt: Ist Ihnen schon aufgefallen, dass der Altersunterschied zwischen dem französischen Präsidenten und seiner Frau ebenso groß ist wie der zwischen dem US-amerikanischen Präsidenten und dessen Frau? 24 Jahre nämlich. Haben Sie wirklich den Eindruck, die Medien würden in gleicher Weise und Ausführlichkeit über den jeweiligen Umstand berichten?

Um ein letztes Mal ein Ich zu bemühen: Ich möchte das bezweifeln. (Nils Pickert, 25.6.2017)