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"Shameless": Fiona Gallagher als widerständige Unterschichtsheldin

28. Juni 2017, 11:00

Die tragikomische US-Serie erzählt von Armut und Hoffnungslosigkeit und überschreitet dabei bewusst jede Schamgrenze

Die Lebensrealitäten von Familien aus der ArbeiterInnenklasse sind in US-amerikanischen Erfolgsserien traditionell unterrepräsentiert. Während die 90er-Jahre-Sitcom die Mittelschichtsfamilie und ihre Alltagssorgen feierte, wurde VertreterInnen einer "Unterschicht" überwiegend Unterhaltungswert als liebenswürdige Verlierer (Al Bundy, "Eine schreckliche nette Familie") oder schräge Vögel (Fran Fine, "Die Nanny") zugestanden. Im neuen, goldenen Zeitalter der US-amerikanischen Qualitätsserien sind Geschichten aus der ArbeiterInnenklasse erneut Mangelware – umso revolutionärer erscheint die tragikomische Familienserie "Shameless", die 2011 in den USA an den Start ging und auf dem gleichnamigen britischen Original beruht.

Sex und Drogen

"Shameless" zeigt nicht nur Lebensrealitäten abseits weißgetünchter Vorstadtzäune: Manifeste Armut und Überlebenskampf prägen den Alltag der Familie Gallagher, in der die älteste Tochter Fiona (Emmy Rossum) als Familienoberhaupt waltet. Eine verschwundene Mutter und ein anwesender Vater, der als Alkoholiker und Gelegenheitskrimineller lediglich eine Bürde darstellt, drängen die junge Frau in die Rolle der Ersatzmutter, die mit schlecht bezahlten Jobs und unermüdlichem Einsatz für ihre fünf Geschwister sorgt.

"Shameless" kommt dabei keineswegs ohne Stereotype aus: Die BewohnerInnen des heruntergekommenen Viertels im Süden Chicagos frönen ausschweifender Sexualität und Drogenkonsum, Vater Frank übt sich im Sozialbetrug, während er auf Obamacare und Liberale schimpft. Und dennoch lässt sich die titelgebende Schamlosigkeit der Serie auch als Widerständigkeit lesen: Die vielen Grenzüberschreitungen der ProtagonistInnen ergeben sich letztendlich auch aus der Notwendigkeit, in einem System zu bestehen, in dem der American Dream längst ausgeträumt ist.

Freundschaft als Konstante

So grenzt sich Fiona auch von den Rettungsversuchen ihres Lovers Steve ab, der als Ivy-League-Boy und Oberschichtskrimineller der Familie mit Schecks für die offene Gasrechnung oder die kaputte Waschmaschine zur Seite springt. One-Night-Stands erlebt Fiona ebenso wie endlose Beziehungsdramen, als Konstante erweist sich die Freundschaft zu Nachbarin Veronica, die einen ebenso kreativen wie schamlosen Überlebenskampf führt.

Im Verlauf der Serie, deren achte Staffel sich gerade in Produktion befindet, entwickelt Fiona zunehmend dunkle Seiten, die vernünftige große Schwester agiert nicht nur aufopfernd, sondern auch eigennützig und verantwortungslos. "In den letzten zehn Jahren habe ich mich um jeden Gallagher gekümmert – nur nicht um mich selbst", schleudert sie ihrer Familie entgegen. Was bleibt, ist eine Ausnahmefigur in der US-amerikanischen Serienlandschaft, die künftig auch andere ProduzentInnen dazu animieren sollte, endlich über den bürgerlichen Tellerrand zu blicken. (Brigitte Theißl, 28.6.2017)